Warum wir so leichtfertig unsere Privatsphäre aufgeben

Die Liste der Gegensätze ist lang und wird mit jedem neuen Thema, dem wir uns gegenüber sehen, um mindestens einen Punkt länger.

  • Sekt oder Selters?
  • Lackschuh oder Leguano?
  • Aufzug oder Treppe?
  • Batman vs. Superman

Und in diesem illustren Reigen wollte ich mit meinem Thema natürlich auch einen Beitrag leisten:

Bequemlichkeit vs. Privatsphäre

In diesem und den folgenden Artikeln mache ich mir Gedanken darüber, wie diese beiden Fixsterne – schwarze Löcher gar – miteinander konkurrieren und gegenseitig um unsere Aufmerksamkeit buhlen.
Ich werfe zunächst einen kritischen Blick darauf, was uns dazu treibt, unsere Privatsphäre zu leichtfertig aufzugeben.
Anschließend beleuchte ich das Thema, wie Bequemlichkeit unsere Privatsphäre gefährdet.
Gefolgt von einem aufmunternden und mutmachenden Aufruf, was wir tun können – zum einen um unseren inneren bequemen Schweinehund zu überwinden und zum anderen, um unsere Privatsphäre zu schützen.
Als Abschluss dieser Reihe mache ich mir dann noch einige unbequeme Gedanken (für mich und die anderen) über die Bequemlichkeit.
Dann fangen wir mal.
Oder, um es mit dem Joker zu sagen:

"And here we go."

Es ist halt so verdammt bequem

Nun, die Industrie arbeitet halt mit Hochdruck, Sahnetorten und allem möglichen anderen Lockmittelkram daran, uns um unsere Privatsphäre – im Tausch gegen ein Plus an Bequemlichkeit – zu bringen.
Und allein die Verlockung, ein Mehr an Bequemlichkeit zu erhalten, reicht für den durchschnittlichen Wald-und-Wiesen-Privatsphärengefährder aus, um seine Privatsphäre den Bach runter gehen zu lassen.

  • Den SmartTV bequatschen, damit dieser das Programm wechselt?
    Klar, her damit!
    Ach, dabei werde ich dauerhaft in meinen eigenen heiligen Hallen überwacht? Egal!
  • Das Auto starten, ohne aufwändig den Zündschlüssel anzufassen?
    Da mach ich mit!
    Oh, mein Auto kann mir deswegen geklaut werden, weil der Dieb ja gar nicht den Schlüssel in Händen halten muss?
    Achwas, passiert ja nur anderen.
  • Das Smartphone mit meinem Fingerabdruck entsperren?
    Ja, super – dann brauch ich mir gar kein Passwort mehr merken!
    Kann ja gar nix dabei passieren, weil den Fingerabruck hab ich ja immer bei mir und der kann ja gar nicht geklaut werden…
    Oder wie war das noch mit dem Chaos Computer Club und Wolfgang Schäuble?

Bequemlichkeit ist einer der größten Feinde der Privatsphäre.
Weil es halt so bequem ist.
Andersrum wird vielleicht eher ein Schuh der Erkenntnis daraus:
Es bedeutet eben einen gewissen Aufwand, seine Privatsphäre zu schützen.
Das ist halt unbequem.

  • Wir müssen für jeden Online-Dienst, den wir nutzen, ein eigenes, sicheres Passwort anlegen (und am besten eine eigene E-Mail Adresse).
    Das ist unbequemer, als überall das eingespielte Passwort („geheim„) einzusetzen.
  • Es ist unbequemer, mit Bargeld zu bezahlen, als jeden Kaugummi durch einen nonchalanten Wisch mit der EC-Karte über das Bezahlterminal zu begleichen.
  • Ein physisch vorhandener Schlüssel schließt manuell langsamer (aber sicherer!) als ein cooles, biometrisch mit Fingerabdruck und Iris-Scan gesichertes Türschloß.

Privatsphäre und Bequemlichkeit sind schlicht zwei Wünsche, die sich diametral gegenüber stehen.
Da wird es schwer bis unmöglich, diese in Einklang miteinander zu bringen.
Wenn wir das Eine wollen, müssen wir Abstriche beim Anderen hinnehmen.

Unwissenheit essen Privatsphäre auf

Ich habe es bereits im Zusammenhang mit sicherem Surfen erwähnt, unsere Gegner sind zahlreicher als wir – und besser ausgebildet.
Wir müssen Wissen darüber auf- und ausbauen, wie wir unsere Privatpshäre schützen können, ansonsten werden wir immer weiter zurückgedrängt.
Unsere Freiheit wird Schritt für Schritt eingeschränkt.
Der Freiraum unserer Privatsphäre wird kleiner und kleiner.
Was wir dagegen tun können?

  • Wir können uns weiterbilden.
  • Wir können unsere selbstverschuldete digitale Unmündigkeit aufgeben.
  • Wir müssen unsere Unwissenheit aufgeben.

Es interessiert unsere Kontrahenten nicht, ob wir unsere Privatsphäre verlieren, weil wir unwissend sind.

"Ignorantia legis non excusat"

ist uns allen ein Begriff.
Uns ist klar, dass Unwissenheit uns nicht vor Strafe schützt.
Warum – so frage ich – verhalten wir uns dann hinsichtlich unserer Privatsphäre gerade so, als würde uns Unwissenheit vor Strafe schützen?
Wir gehen so fahrlässig mit unseren persönlichen Daten um, als gäbe es kein Morgen.
Wäre ein schuldhafter – und wir sind schuld daran, wenn wir unsere Daten verlieren (oder verschenken!) – Datenverlust ein Verbrechen, die Gefängnisse wären übervoll mit Datenverlustschuldigen!
Ich wiederhole mich – gern und mit inbrunst – wir müssen lernen, lernen, lernen!

Was geht mich meine Privatsphäre an?

Desinteresse ist ein weiterer Punkt auf der Liste der Risikofaktoren unserer Privatsphäre.
Mir ist klar, dass in unserer Zeit ein starker Fokus darauf liegt, möglichst an allem Interesse zu haben und auch zu allem eine Meinung zu haben.
Weiterhin ist mir auch klar, dass jeder der sein Thema nach vorn bringen will, sein Thema als das allerwichtigste Thema überhaupt (mit Abstand und Sternchen) ansieht.
Kein Waffenhändler argumentiert – neben den wundervollen Vorzügen der neuesten Tarnkappendrohne mit lasergesteuerten Präzisionsbomben – für die Rettung des einohrigen Sumpfdotterhuhns.
Das ist unproduktiv und lenkt einfach vom Thema ab.
Aber eine lasergesteuerte Präzisionsbombe von einer Tarnkappendrohne – das is halt wirklich wichtig.
Musste verstehn, ne?
Ja, da bin ich auch nicht anders.
Ich halte mein Thema auch für das wichtigste Thema überhaupt.
Aber meine Argumentation ist besser als die des Tarnkappendrohnen-liefernden Waffenhändlers:

Mir liegt die Freiheit am Herzen.

Ohne, dass ich dafür jemand anderen (der auf der falschen Seite der präzisionsgesteuerten Laserbombe steht) dafür in ein kleines Häufchen rauchende Asche verwandeln muss.
Nein, wir müssen uns nicht für alles interessieren.
Aber wir sollten uns dringend für das interessieren, was uns wirklich betrifft.
Und das ist nun mal unsere Privatsphäre.
Die geht halt uns etwas an.
Genau genommen geht sie nur uns etwas an.
Und um zu verhindern, dass sich jemand anderes um unsere Privatsphäre kümmert, müssen wir uns halt verdammt noch mal selbst darum kümmern.
Desinteresse ist keine Lösung.
Wenn wir uns nicht interessieren, dann löst sich das Problem über kurz oder lang von ganz allein.
Dann gibt es einfach kein „uns“ mehr.
Dann wird der letzte Rest von Individualität, eigener Meinung, Freiheit – schlicht von Privatsphäre – einfach ausgelöscht.
Weil wir uns nicht gekümmert haben.

Komm auf die bequeme Seite – wir haben Kekse

Die Verlockungen der bequemen Seite sind halt sehr stark.

  • Es ist einfach bequem, sich mit einem Facebook-Account in jedem anderen Online-Account anzumelden.
  • Es ist halt so viel leichter, mit „ja“ auf die Frage „Haben Sie payback?“ (wenn die Frage in dieser nahezu grammatikalisch vollständigen Form gestellt wird) zu antworten, als zu sagen „Nein, habe ich nicht und mit diesem datensaugenden Überwachungssystem will ich nichts zu tun haben!„.
  • Es ist so viel praktischer, irgendwo in der Wohnung zu rufen:
    Hey Alexa (Siri, Cortana oder wie auch immer die nächste Überallwanze auch verniedlichend genannt wird), wie ist das Wetter heute?“ anstatt einfach das Fenster aufzumachen und den Regen aufs Gesicht tanzen zu lassen.

Der Mensch (und da schließe ich mich mit ein) tendiert konstant zu einem höheren Maß an Bequemlichkeit.
Mit dieser Erkenntnis haben wir jetzt die Wahl (wir haben immer eine Wahl).

  • Entweder können wir diesem konstanten Sog nachgeben und uns stets auf eine neue Ebene der Bequemlichkeit heben lassen.
    (is nämlich voll bequem: für mehr Bequemlichkeit müssen wir aktiv gar nichts tun)
  • Oder wir kämpfen gegen unseren inneren Schweinehund (die bequeme Socke!) und verzichten auf die eine oder andere Bequemlichkeit und stärken damit unsere Privatsphäre.

Denn eines muss uns klar sein:
Mehr Bequemlichkeit geht immer mit weniger Privatsphäre einher.
Wenn wir den Schutz unserer Privatsphäre als Ziel haben, verzichten wir damit auf ein gewisses Maß an Bequemlichkeit.
Aber seien wir doch ehrlich:
Wie viel mehr Bequemlichkeit brauchen wir?

  • Ist eine manuell bediente Fernbedienung für unseren Fernseher nicht ausreichend?
  • Reicht uns nicht vielleicht doch eine funkgesteuerte Zentralverriegelung unseres Autos ?
  • Ist eine klassische Schließanlage an der Haustür – so eine mit einem echten Schlüssel – nicht vielleicht doch ausreichend?

Hip und der-neueste-heiße-Scheiß bedeutet nicht direkt „besser als etabliert und ausgereift„.

„Ich habe doch nichts zu verbergen“

Ehrlich, liebe Leser, ich könnt jedes Mal im Strahl spucken, wenn ich diesen Hohlphrasenschwachsinn höre.
Edward Snowden bringt es wirklich gut auf den Punkt, wenn er sagt:

„Zu behaupten, das Recht auf Privatsphäre sei nicht so wichtig, weil man nichts zu verbergen hat, ist, wie zu sagen; Das Recht auf freie Meinungsäußerung sei nicht so wichtig, weil man nichts zu sagen hat.“

Dieser alberne Dummfug, zu behaupten, man habe nichts zu verbergen, ist meiner Ansicht nach entweder vollkommen unreflektiert oder aus der falschen Annahme heraus, nur schlechte Menschen hätten Geheimnisse, entstanden.
Leute!
Wer ist denn bereit, die PIN seiner EC-Karte ans schwarze Brett zu hängen oder seine sexuellen Fantasien beim nächsten Familienfest auszubreiten?
Also, sind wir doch mal ganz ehrlich, atmen locker durch die Füße und sagen:

"Ja, ich habe etwas zu verbergen."

Geht doch.
Fühlt sich gut an, oder?
Weil wir jetzt an einem Punkt angelagt sind, von dem aus wir etwas für den Schutz unserer Privatsphäre tun können.

TL;DR

  • Die Katze beisst sich in den Schwanz: Es ist halt so verdammt bequem
  • Nix wissen hilft nix: Unwissenheit essen Privatsphäre auf
  • Mir egal: Was geht mich meine Privatsphäre an?
  • Die dunkle Seite: Komm auf die bequeme Seite – wir haben Kekse
  • Achtung, Brechreiz: „Ich habe doch nichts zu verbergen“

Wir müssen nicht zurück in die digitale Steinzeit – aber wir müssen uns klar machen, was uns erwartet, wenn wir nichts tun.
Also tun wir etwas.
Anmerkungen? Fragen?
Du kannst den Blog [maxbutton id=“1″ ] !

Man kann nicht nicht entscheiden

Mir ist klar geworden, dass wir in unserem Leben immer eine Entscheidung treffen.
Man kann nicht nicht entscheiden.
Wir müssen Verantwortung übernehmen für unser Leben. Und ein wichtiger Schritt dabei ist, Entscheidungen zu treffen.
Man kann nicht nicht entscheiden.
Wenn wir nicht entscheiden, dann wird uns unsere Entscheidung von äußeren Kräften abgenommen – und das ist nicht im Sinne eines selbstbestimmten Lebens.
Was unsere Privatsphäre angeht – und auch jede andere Entscheidung in unserem Leben – ist eine nicht getroffene Entscheidung immer eine Entscheidung gegen unsere Überzeugung.

Nicht wählen ist nicht nicht wählen

Wenn wir uns dazu entscheiden, an einer Gesellschaft teilzuhaben, die auf Wahlen gründet und wir an einer Wahl nicht teilnehmen, dann geben wir unsere Stimme immer demjenigen Kandidaten, den wir am wenigsten haben wollen.
Wenn wir hingegen wählen, nicht an einer solchen Gesellschaft teilhaben zu wollen und daher nicht an der Wahl teilnehmen, haben wir aktiv gehandelt uns gegen die Wahl entschieden.

Nicht kümmern ist nicht schützen

Dasselbe gilt auch für unsere Privatsphäre. Wenn wir keine Entscheidung für den Schutz unserer Privatsphäre treffen, schwächen wir unsere Privatsphäre damit.
Wir können den Schutz unserer Privatsphäre ebenfalls auch nicht in die Hände anderer legen. Es geht hier um unser Innerstes. Es geht hier um unsere Werte und alles was uns im Innersten ausmacht.
Das bedeutet, wir müssen lernen uns selbst zu schützen. Es bringt nichts, diesen Schutz obskuren Tools anheimzustellen.
Es hilft auch nichts, den Kopf zu verlieren und zu jammern, dass “da draußen” ja so große Kräfte wirken, da könne man ja nichts dagegen unternehmen.
Und zu behaupten, es beträfe einen ja gar nicht, denn “ich habe ja nichts zu verbergen”, das bringt auch nichts. Damit lügen wir uns nur selbst an.

Entscheide dich zu handeln

Wir müssen erkennen, dass wir selbst handeln müssen.
Wir sind nicht hilflos.
Wir wollen unsere Daten für uns behalten.
Wir haben eine Privatsphäre, die es wert ist, geschützt zu werden.
Und das Gute ist, wir sind nicht allein.
Es gibt Hilfe.
Ich kann eure Privatsphäre nicht schützen.
Aber ich kann euch befähigen, damit ihr eure Privatsphäre selbst schützen könnt.
Wir müssen uns entscheiden.
Wir müssen uns entscheiden, unser Leben in unsere eigenen Hände zu nehmen.
Wir müssen uns für den Schutz unserer Privatsphäre entscheiden.
Entscheidet euch, zu entscheiden.