Lachend ins Jahr 2016

Dieses Jahr beginne ich mit einem Thema abseits meiner privatsphären-zentrierten Schreibe. Heute beschäftige ich mich mit meinem Jahreswechsel und wie ich diesen verbracht habe.
Mein Plan war, einen ganz ruhigen Abend mit gutem Essen und inspirierender Begleitung zu verbringen.
Gut, eins aus drei ist doch ein ganz ordentliches Verhältnis – vor allem, wenn der eine Punkt sowieso alles andere aufwiegt.
Dennoch will ich über die Punkte eins und zwei hier schreiben. Zum einen, um mir das von der Seele zu schreiben. Zum anderen dient es vielleicht anderen ruhesuchenden Jahreswechslern bei der Suche für eine Jahreswechsel-Lokation.
Ich hatte geplant den Jahreswechsel im beschaulichen Kloster Eberbach zu verbringen. Und das ist es wirklich: beschaulich.
Mein eindringlicher Tipp lautet gleich zu Beginn: schaut es euch an. Ist wirklich toll hier!
Aber der hauptsächliche Grund für meine Anreise war nun mal der Wunsch nach einem ruhigen Abend mit einem guten Essen.
Es fing auch ganz entspannt in schönem Ambiente an. Die Klosterschänke ist wirklich gemütlich und unser Tisch am Rand des Raumes gab mir einen schönen Überblick.
Der Korb mit Brötchen und zwei verschiedenen Aufstrichen rettete mich auch zunächst vor dem spontanen Hungerkoma, in welches ich zu stürzen drohte, da sich der Beginn der Veranstaltung von prognostizierten 19 Uhr auf 19:45 Uhr verschob.
Leider verstärkte sich mein erster schlechter Eindruck beim Gruß aus der Küche weiter. Dieser landete recht grußlos auf unserem Tisch. Ich war mir zunächst nicht bewusst, dass dies nicht die Vorspeise sondern eben erst der Gruß aus der Küche war. Zugegeben, mein Fehler. Ein Scheibchen Forellenpastetchen verwechsle ich halt schon mal leicht mit Zweierlei von der heimischen Forelle ;).

Die Vorspeise

Nunja, es wurde schnell klar, dass es sich um das Amuse Bouche gehandelt haben musste, als das “Zweierlei von der Forelle” auf- der leere Teller für den Küchengruß jedoch nicht abgetischt wurde.
Kann ja mal übersehen werden. So dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch. Das Servicepersonal muss sich erstmal warmlaufen.
Apropos warmlaufen. das hat das Servicepersonal viel getan: gelaufen. Zwar eher ziel- und orientierungslos, aber für eine läuferische Bestnote hätte es mehr als gereicht, wenn es ums “Kilometergeld” gegangen wäre.

Die Suppe

Nach einer gefühlten Ewigkeit – zeitlich tatsächlich gemessenen halben Stunde – (zum Glück wurde ich gut mit weiteren Brötchen versorgt) wurde dann auch die Steinpilzgemüsebrühe – oh, Verzeihung: die Essenz vom Taunus Steinpilz – gereicht (der Teller vom Amuse Gueule stand immernoch einsam auf unserem Tisch). Jetzt war bei mir der erste Moment von Fassungslosigkeit erreicht. Eine Essenz? Eine Essenz?! Das war eine Gemüsebrühe mit Steinpilzaroma! Essentiell bereichert hat sie diesen Silvesterabend definitiv nicht.

Der Fisch

Weiter im Text. Tatsächlich, denn es hat sich nichts geändert. Der Service weiterhin kopflos seine Runden drehend und wieder eine gefühlte Ewigkeit zum nächsten Gang. Der Dorsch auf Rahmwirsing war an dieser Stelle jetzt endlich ein Lichtblick, der mir neue Hoffnung gab. Dieser Gang war tatsächlich gut. Ich möchte diesen Gang hier ausdrücklich lobend erwähnen.

Das Sorbet

Nach der mittlerweile üblichen halben Stunde wurde vom Service der Zwischengang, das Sorbet Royal kredenzt. Sorbet Royal denke ich mir. Royal weckt große Erwartungen in Zusammenhang mit einem Sorbet. Gut, die Küche hat es wiederum geschafft, meine großen Erwartungen tief zu enttäuschen. Das war kein Sorbet. Mit gutem Willen, der mir an dieser Stelle langsam abhanden kam, könnte ich dieses kulinarische Experiment als akzeptabel für ein viertklassiges Vereinsheim halten. Tatsächlich präsentiert sich die Klosterschänke nicht in dieser Liga und daher halte ich eine Kugel Waldbeereis in einem halben Glas Weisswein als vollkommen inakzeptabel.
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits beschlossen, dass wir auf das Dessert-Buffet verzichten werden, denn eine Mousse au Chocolat, die nach prognostizierten vier Stunden “Lagerung im Warmen” – also mittem im Lokal – verspeist werden kann, kann nichts taugen. Punkt. Und dieses Dessert-Buffet bereits zu Beginn der Veranstaltung aufzubauen, halte ich obendrein für fragwürdig.

Der Hauptgang

Dennoch hatten wir beschlossen, dem Hauptgang – Hirsch an einer Burgunder-Glace – noch eine Chance zu geben.
Alle bisherigen Erfahrungen lachend (denn gelacht haben wir an diesem Abend sehr viel) in den Wind geschlagen, habe ich meine Hoffnungen auf die Burgunder-Glace gesetzt.
Eine Glace. Respekt. Eine Sauce mit Ritterschlag. Ich war gespannt. Und wurde wieder herb enttäuscht. Nicht nur war die Glace eine zu stark gebundene, dunkle Tütensoße. Obendrein war das Gemüse kalt und noch nicht einmal die gleiche Zusammenstellung wie auf dem Teller meiner inspirierenden Begleitung.
Darüber hinaus war “Zweierlei vom heimischen Hirsch” – sowohl als Gulasch als auch als Braten – nicht zu genießen. Das war mir inzwischen allerdings einerlei. Der Hirsch war so trocken gebraten, dass ich befürchtete, sofort zu vertrocknen, wäre es nicht dem wirklich guten (Lichtblick!) Klosterbier zu verdanken, welches sich aufopfernd in meinen verdorrenden Rachen ergoß.
An diesem Punkt haben wir den Abend vorzeitig mit Begleichen der nicht unerheblichen Rechnung beschlossen.
Meine inspirierende Begleitung und ich sind unabhängig voneinander zu der Überzeugung gelangt, dass der gesamte Abend etwa vierfach überteuert war.

Und das war nur der kulinarische Teil.

Ich habe hier noch nicht vom vollkommen fehlgeschlagenen akustischen Ambiente (die sanfte Pianomusik war ein überengagierter Klavierspieler, der verzweifelt gegen die immer lauter werdende prunksitzungsartige Stimmung und Lautstärke der Gäste anspielte) geschrieben. Der vollkommen überforderte Service (der Teller vom Gruß aus der Küche stand, als wir das Lokal verließen, immer noch auf unserem Tisch) war zwar nicht in der Lage, eine Eskalation der Situation zu verhindern, zumindest kam einer Servicekraft die Frage über die Lippen, ob wir tatsächlich noch vor dem Dessert (vollmundig angekündigt als “Edle Süssigkeiten” o.ä.) gehen wollten? Auch ohne Kaffee?
Unser “Ja” als Antwort kam von Herzen – ganz im Gegenteil zu dem beim jeweiligen Abservieren leise hingenuschelten “och hm” – auf die Frage “Hat es Ihnen geschmeckt?” (Reminder für mich selbst und selbstgewählte Aufgabe für das nächste Mal: Mehr Ehrlichkeit – auch wenns weh tut 🙂 ).

Was ich aus dem Abend für mich mitnehme

Doch dieser Abend hat im gesamten einen positiven Eindruck bei mir hinterlassen:
Ich habe gelernt, über lächerliche Situationen zu lachen (und zu schreiben), ich bin vollkommen entspannt und ausgeschlafen in das Jahr 2016 gestartet und ich habe wieder festgestellt, dass ich in meinem Leben einfach nichts ernst nehme.
Nicht den Tisch voller Silver-Surfer, die einen solchen Abend in Begleitung ihrer dummen Smartphones verbringen, nicht den überforderten Service, nicht das schlechte Essen, noch nicht einmal mich selbst.
Und was ich noch gelernt habe:

I’m not gonna take it anymore!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen entspannten und lächerlichen Start in ein neues Jahr voller Lachen und lächerlicher Erlebnisse 🙂

Mein Tipp

Zum Abschluss noch ein einfacher Tipp zur digitalen Entgiftung und gleichzeitiger Schutz der eigenen Privatsphäre:
Lasst beim nächsten Mal, wenn ihr in Gesellschaft seid, z.B. bei einem guten Essen, eure digitalen Helferlein daheim.
Erlebt das Essen einfach einmal offline und ungetracked.