Warum wir verschlüsseln sollten

E-Mail Verschlüsselung – ein Thema mit sieben Siegeln (für die meisten) und mit zwei Schlüsseln (für alle).
Mir geht es jetzt nicht darum, zu erklären, wie E-Mail Verschlüsselung technisch funktioniert, sondern warum wir alle, die E-Mail nutzen, dies einsetzen sollten.

Warum wir verschlüsseln sollten

Um es ganz kurz auf den Punkt zu bringen:
Es ist unser Recht. Und es nicht nur irgendein abgeleitetes Recht.
Nein, es ist ein Grundrecht.
In Artikel 10 des Grundgesetzes heißt es:
„Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.“
Das klingt für mich doch nach einer ganz klaren Handlungsanweisung in Richtung Verschlüsselung.
Was aber noch viel wesentlicher und grundlegender für mich ist, ist die schlichte Tatsache, dass es verdammt nochmal einfach einen dritten einen Scheiß angeht, was ich jemandem in einer E-Mail mitteile!
Ich lebe immer noch in dem Glauben, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der keinerlei Massenüberwachung notwendig ist, um unsere Sicherheit zu gewährleisten.
Ich bin auch nicht bereit, meine Grundrechte, meine Freiheit und meine Privatsphäre für „The Greater Good“ aufzugeben.
Denn wenn wir das tun, dann gibt es auch kein „Greater Good“, für das es sich lohnt zu kämpfen.
Dann nämlich leben wir in einer Diktatur.
Verschlüsselung ist der notwendige technische Aufwand, den wir betreiben müssen, um das Grundrecht einer unverletzten elektronischen Kommunikation via E-Mail durchzusetzen.
Leider bietet E-Mail per se diese Möglichkeit nicht an, so dass wir an dieser Stelle initial einmalig tätig werden müssen – aber dieser geringe Aufwand lohnt sich.
Es geht schließlich um unsere Freiheit und unsere Privatsphäre.
Das sind doch Werte, für die es lohnt, etwas Aufwand zu betreiben.

Ein Missverhältnis, das mich erschreckt

Jüngst ist mir eine Statistik (gut, ich habe diese nicht selbst gefälscht, daher betrachte ich sie mit mehr Skepsis als wenn ich es getan hätte) zum Thema E-Mail Verschlüsselung zu Augen gekommen.
Danach halten 75% der Befragten E-Mail Verschlüsselung für wichtig, aber lediglich 16% verschlüsseln tatsächlich.
Gut, dieses Missverhältnis kann ich mir noch gut mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit erklären.
Aber bei den Begründugen, warum nicht verschlüsselt wird, rollen sich mir die Zehennägel auf.
18,8% gaben Sicherheitsbedenken als Grund an, ihre E-Mails nicht zu verschlüsseln.

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung kaum verbreitet
Nutzung von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung

Sicherheitsbedenken?
Was bitte soll denn unsicherer bei elektronischer Kommunikation sein, als nicht zu verschlüsseln?
Es lesen doch sowieso schon alle Dienste unsere unverschlüsselten Mails, wenn diese an den Zapfstellen vorbeikommen.
Die liegen im Klartext vor!
Das macht mich wirklich fassungslos.
Die weiteren Gründe (Zu aufwändig: 37,6% und Fehlende Kenntnis: 36,6%) kann ich gut nachvollziehen – aber selbst dabei fehlt mir letztendlich das Verständnis.
Wir sind alle bereit, für unsere Mobilität einen Führerschein zu machen.
Das kostet Zeit und das kostet Geld.
Und das betrifft nur unsere Mobilität.
Aber für etwas, das unsere Freiheit und unsere Privatsphäre betrifft, sind wir offenbar weder bereit, Zeit noch Geld zu investieren.
Das schockiert mich wirklich.

Es ist nicht so schwierig wie ihr glaubt

E-Mail Verschlüsselung ist Computer Science, nicht Rocket Science.
Und selbst von der Computer Science müsst ihr nicht alles verstehen – und euch schon gar nicht alles selbst beibringen.
Auch an dieser Stelle passt das Beispiel vom Führerschein wie Nut und Feder.
Wir sind bereit Zeit, Geld und Nerven (unsere und die aller anderen Verkehrsteilnehmer und Familienmitglieder) in unsere Führerscheine zu investieren.
Ja, es geht dabei um Menschenleben und da sollte man schon Ahnung davon haben, wie so eine 1,5 Tonnen schwere und mit ordentlicher Beschleunigung gesegnete Maschine funktioniert.
Aber – und hier wiederhole ich mich nur zu gern – bei unserer Kommunikation via E-Mail geht es um unsere Privatsphäre!
Und die Privatsphäre unserer Freunde, Familie, Kinder und Enkel.
Ist uns deren Schutz nicht zumindest Zeit, vielleicht auch Geld (und auch ganz bestimmt Nerven) wert ?
Wir müssen ja nicht sofort zum Krypto-Guru werden.
Eine sichere E-Mail Kommunikation kann stufenweise aufgebaut werden.
Niemand muss ab sofort nur noch mit dem Aluhut rumlaufen (das kann optional später stattfinden).

Wie fange ich an? E-Mail Verschlüsselung in drei schwierigen Schritten

In meiner candorschen Art der klaren Worte sage ich rund heraus:
Ja, die initiale Einrichtung von E-Mail Verschlüsselung ist schwierig.
Das ist Gehen und Laufen ebenfalls, aber auch das haben wir irgendwie gemeistert.
Schritt 1: Wir brauchen GPG.
GPG ist quasi der Standard für die Verschlüsselung von E-Mails – und das empfehle ich.
GPG – der GNU Privacy Guard – ist eine Implementierung von OpenPGP, dem offenen kryptographischen Standard für verschlüsselte Kommunikation.
GPG gibt es für alle (gängigen) Betriebssysteme:

  • Bei vielen Linux-Distributionen ist gpg bereits Bestandteil des Betriebssystems und muss daher noch nicht einmal händisch nachinstalliert werden.
  • für macOS bietet GPGTools die notwendigen Werkzeuge zum Verschlüsseln der elektronischen Kommunikation an.
  • unter Windows stellt Gpg4win den benötigten Funktionsumfang bereit.

Schritt 2: Wir erstellen uns ein Schlüsselpaar.
Wieso gleich ein Paar Schlüssel?
Reicht nicht erstmal einer?
Nein, reicht nicht.
Damit wir einfach, unaufwändig und sicher verschlüsselt kommunizieren können, brauchen wir zwei Schlüssel.
Klingt erst mal aufwändig, isses aber gar nicht.
Wozu brauchen wir jetzt aber zwei Schlüssel?
Wir brauchen einen privaten Schlüssel, mit dem wir unsere Nachrichten signieren können und mit dem wir Nachrichten, die verschlüsselt an uns geschickt wurden, entschlüsseln können.
Daneben brauchen wir einen öffentlichen Schlüssel.
Mit diesem können unsere Kommunikationspartner Nachrichten für uns verschlüsseln.
Überdies können sie damit überprüfen, ob eine Nachricht, die wir geschrieben haben, auch tatsächlich von uns kommt.
Die Mathematik hinter diesem Public-Key-Verfahren stellt sicher, dass dieses Schlüsselpaar – privater und öffentlicher Schlüssel – ausschließlich wechselseitig funktioniert.
Eine Nachricht, die mit dem privaten Schlüssel verschlüsselt wurde – wir sprechen hierbei vom signieren einer Nachricht – kann nur mit dem passenden öffentlichen Schlüssel entschlüsselt – in unserem Sprachgebrauch: verifiziert – werden.
Und eine Nachricht, die mit dem öffentlichen Schlüssel verschlüsselt wurde, kann einzig mit dem zugehörigen privaten Schlüssel entschlüsselt werden.
Ein weiterer Vorteil dieses Public-Key-Verfahrens besteht in dem einfachen und sicheren Schlüsselaustausch.
Denn dieser Moment stellt natürlich ein hohes Risiko bei verschlüsselter Kommunikation dar.
Würden wir mit nur einem Schlüssel arbeiten, könnte jeder, der diesen einen Schlüssel hat, alle unsere Nachrichten lesen. Blöd.
Im Public-Key-Verfahren mit dem Schlüsselpaar aus privatem und öffentlichem Schlüssel ist dieses Risiko nicht vorhanden.
Hier stellen wir unseren öffentlichen Schlüssel sogar für jeden leicht auffindbar auf Schlüsselservern zur Verfügung.
Denn mit unserem öffentlichen Schlüssel kann uns eben jeder eine verschlüsselte Nachricht schicken, oder prüfen, ob eine Nachricht wirklich von uns stammt.
Nur unseren privaten Schlüssel – den dürfen wir niemals aus unseren Händen geben.
Ansonsten isses ganz blöd. Aber sowas von.
Schritt 3: Wir müssen unsere E-Mail-Kontakte aufschlauen.
Ja, jetzt geht die Arbeit erst richtig los.
Und dabei kann euch leider keiner wirklich helfen.
Außer vielleicht, euch zu versichern, dass Verschlüsseln gut fürs Karma ist, die Laune nachhaltig hebt und alternativ auch den Klimawandel ausbremst.
Nee, wirklich, die ganze Public-Key-Verschlüsselungssache funktioniert eben nur, wenn beide Kommunikations-Partner mitmachen.
Is‘ ja auch klar, der Schreiber kann nur mit dem öffentlichen Schlüssel des Empfängers verschlüsseln.
Und schon sind zwei Verschlüsselungswillige an der Sache beteiligt.
Also, nehmt euch ein Herz, ein bissel Zeit und gute Argumente

  • „Verschlüsselung ist ein Grundrecht.“,
  • „Krypto is sexy.“,
  • „Privatsphäre ist ein Grundstein der Demokratie.“…

und macht euch und eure Kontakte zu Krypto-Kriegern!

TL;DR

  • Warum wir verschlüsseln sollten: Grund und Recht für Krypto
  • Ein Missverständnis, das mich erschreckt: Verschlüsselung ist unsicher – gehts noch?
  • Es ist nicht so schwierig wie ihr glaubt: Wir haben schon ganz anderes gelernt
  • Wie fange ich an: Der kryptographische Dreisprung

Und jetzt?
Anfangen. Hinfallen. Aufstehen, Aluhut richten und weitermachen.
E-Mail-Verschlüsselung ist keine One-Stop-Sache.
Das ist Zen.
Tägliche Praxis mit Höhen und Tiefen.
Aber es lohnt sich. Sowas von.

Mails, Mäßigung und digitale Mündigkeit

Nachdem ich mich im vergangenen Artikel über die Möglichkeiten, möglichst anonym zu browsen und zu chatten, ausgebreitet habe, beschäftige ich mich in diesem Artikel über weitere Möglichkeiten, möglichst unbehelligt zu kommunizieren.
Allerdings geht es jetzt nicht mehr primär darum, unter dem Radar der Überwacher zu fliegen – dazu ist E-Mail mit seinen Protokollen schlicht nicht geeignet – sondern es geht mir vielmehr um die Möglichkeiten einer geschützten Kommunikation, die den Anforderungen des Artikels 10 unseres Grundgesetzes gerecht wird:
„(1) Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.“
Anschließend mache ich noch einen thematischen Ausflug in das wundervolle Reich der Profilerstellung und die Fragestellung, wie wir dort möglichst ungestreift durchkommen.

Kryptisch, kryptisch

E-Mail Kommunikation sollte – ganz wie seinerzeit der gute alte Brief – vertraulich sein.
Das ist zumindest meine Erwartungshaltung, wenn ich den Nachfolger eines lang etablierten Kommunikationsmediums an dessen Statt mit gutem Gefühl einsetzen will.
Ein Brief ist – so lange der ihn beinhaltende Umschlag ordentlich verschlossen ist – vertraulich.
Nur mit einem gerüttelt Maß an krimineller Energie gelangt ein Unberechtigter in Besitz des so versiegelten Inhalts.
Meine Erwartung an die Brief-Nachfolgetechnologie E-Mail ist an dieser Stelle, dass eine ähnliche Sicherheit hier schon allein technisch gewährleistet wird.
Mitnichten, wie ich an dieser Stelle verdeutlichen will.
E-Mail und die ihm zugrunde liegenden Protokolle SMTP, IMAP, POP3 verfügen jedoch keineswegs über inhärente Sicherheitsmechanismen.
Noch nicht einmal über das profane versiegeln des Inhalts durch so etwas wie einen verschlossenen Umschlag.
Da uns jedoch Artikel 10 des Grundgesetzes eine private und vertrauliche Kommunikation zusichert (auch digital und das umfasst eben auch E-Mail) müssen wir uns an dieser Stelle in guter digitaler Selbstverteidigungs-Manier um unsere eigene Sicherheit und Vertraulichkeit bemühen.
E-Mail war, als dessen Protokolle entworfen wurden, eben nicht für eine sichere und vertrauliche Kommunikation entworfen.
Nun ja, wir sehen leider bei immer mehr Entwicklungen, dass der Trend „Privacy last„, eher die Regel als die Ausnahme darstellt.
Drum greifen wir tapfer in unseren digitalen Werkzeugkasten und sorgen selbst für einen versiegelten Umschlag um unsere Mails.
OpenPGP bietet als offener Verschlüsselungsstandard genau das Werkzeug, welches wir uns zum Schutz unserer Kommunikation gewünscht und auch bekommen haben.
Der einmalige initiale Aufwand, um eine auf OpenPGP basierende Verschlüsselung unserer E-Mail Kommunikation einzurichten, hält sich – gemessen am Nutzen den wir (und unsere Kommunikationspartner) daraus schöpfen – in sehr überschaubaren Grenzen.
Der Charme dieser Lösung liegt darin, dass alle gängigen Betriebssysteme – macOS, Linux und Windows – diesen Standard implementieren.
Ebenfalls setzen auch alle in der Breite verfügbaren E-Mail Clients auf dieses Protokoll.
Was wir jetzt noch tun müssen, ist, unsere Kommunikationspartner dahingehend zu impfen, dass diese auch den Schritt weg von der digitalen Postkarte zum versiegelten elektronischen Brief gehen.
Denn verschlüsseln funktioniert nur, wenn alle beteiligten Parteien mitmachen.
Mit dem Einsatzt von OpenPGP in unserer Mail-Kommunikation haben wir jetzt einen wirklichen Vorteil gegenüber der bisherigen freundlichen Schneckenpost:
Die Nachricht ist nicht nur versiegelt sondern auch wirklich verschlüsselt.
Der Empfänger kann sicher sein, dass niemand außer ihm die vertraulichen Inhalte lesen kann.
Bisher konnte der Empfänger eines klassischen Briefes nur sehen, ob sich jemand unerlaubt Zugriff auf den Inhalt verschafft hat.
Das sehen wir jetzt auch mit Hilfe von OpenPGP.
Aber wir können nun aufgrund der starken Verschlüsselung, die hinter OpenPGP steht, auch sicher sein, dass kein Unbefugter (selbst wenn die Kommunikation abgefangen wird) den Inhalt lesen kann.

Mäßige dich, privatsphären-affiner Surfer

Ein weiteres Thema, welches uns zwar nicht unter den Radar der digitalen Datenräuber tauchen lässt, uns aber dennoch ein Plus an Freiheit bringt, ist Datensparsamkeit.
Wenn wir uns bewusst sind, dass alle Daten, welche die Datenkraken über uns in ihre gierigen Datenschlünde ziehen können, uns zu unserem Nachteil gereichen, dann ist es nur logisch, möglichst wenig über sich preiszugeben.
Datensparsamkeit ist schlicht das einfachste und effektivste Mittel, möglichst wenig „Futter“ für eine Profilerstellung zu liefern.
Dazu können wir parallel zwei Wege beschreiten.
Zum einen sollten wir stets überlegen, welche Daten für einen Dienst zur Erbringung seiner Dienstleistung tatsächlich notwendig sind.
Wir sollten auch immer abwägen, ob ein Posting, ein hochgeladenes Bild oder ein Kommentar auf der unsozialen Plattform unserer Wahl

  • gut?
  • hilfreich?
  • freundlich?

ist.
Ist die Antwort auf eine dieser Fragen ein nein (oder auch nur ein mäßiges hmmnöö), dann sollten wir tunlichst Abstand von unserem Post-Wunsch nehmen.
To much information can kill you.
Und das gilt für beide Sichtweisen:
Zu viele Informationen über dich killen dich ebenso wie zu viele Informationen von dir.
Der zweite Weg zum Schutz vor zuviel preisgegebener Information ist der Einsatz von Adblockern, Tracking-Verhinderern und ähnlichen Schutzwerkzeugen wie uBlock Origin, Privacy Badger und NoScript.
Diese schützen uns vor der Datensammlung durch Datenkraken, die ganz ohne unser Zutun im Hintergrund unserer Surf-Aktionen stattfindet.

Digitale Mündigkeit

Mir kommt Kant in den Sinn – mit seiner Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
Ich bin der Ansicht, dass wir eine neue Mündigkeit in Bezug auf unsere Daten, unsere Privatsphäre und unsere Freiheit erkämpfen müssen.
Wir müssen unseren Verstand einsetzen und erkennen, dass wir von unterschiedlichen Seiten unmündig gehalten werden.
Wir müssen uns aus dieser Unmündigkeit befreien, indem wir verstehen, welche Rechte wir an unseren Daten, an unserer Privatsphäre haben.
Wir müssen lernen, Fähigkeiten zu entwickeln, um für unsere Freiheit und unsere Privatsphäre einstehen zu können.
Dadurch werden wir datenmündige Bürger eines offenen und freien digitalen Raumes, welcher uns bereichert und Entwicklungsmöglichkeiten bietet – anstatt uns zu überwachen und zu manipulieren.

TL;DR

  • hinter Schloß und Siegel: Kryptisch, kryptisch
  • verschwiegen: Mäßige dich, privatsphären-affiner Surfer
  • erfahren sei der Mensch, frei und gut: Digitale Mündigkeit

Und jetzt?
Sei kantig, Mensch!
Selbstverteidige dich digital.

Wie? Immer noch WhatsApp?

Na, jetzt ist ja alles gut!
Jetzt wo WhatsApp schließlich Ende-zu-Ende verschlüsselt ist!
Jetzt können wir uns alle beruhigt zurücklehnen und weiterhin jeden geistigen Müll in der digitalen Welt verteilen:

  • das ich wieder erfolgreich mein Hemd zugeknöpft habe,
  • meine Socken gebügelt habe (natürlich wahlweise mit Bild oder Video!),
  • wann der nächste Terroranschlag stattfinden soll [liebe NSA, wahlweise auch BND: bloß weil hier das Wort “Terroranschlag” vorkommt, bedeutet es nicht, dass ich einen solchen plane. Falls ihr es doch denkt, kommt mich doch bitte besuchen, meine Adresse rauszufinden solltet sogar ihr fehlerfrei hinbekommen.]
  • oder was ich über meinen Chef, diese *§$!# Pfeife, denke.

Das alles kann ich ja jetzt von mir geben! Kann ja keiner mehr lesen.
Yeah-yeah-yeah.
Oh, bitte.
Glauben wir wirklich, dass es das war?

WhatsApp hat uns verraten

Vergessen wir da vielleicht nicht, dass WhatsApp nicht wegen seiner tollen, innovativen Ideen im Bereich Kurznachrichten von Facebook gekauft wurde, sondern weil es einen riesigen Pool von Adressen (WhatsApp hatte zu diesem Zeitpunkt 450 Millionen Nutzer) angehäuft hatte.
Die Technik hinter WhatsApp war weder neu, noch sicher, geschweige denn innovativ.
Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber jemandem, der mir meine Daten aus meinem Adressbuch gestohlen hat, glaube ich nicht auf einmal, dass er jetzt plötzlich zu den Guten gehört, bloß weil er jetzt auf einer Welle der Krypto-Sympathisanten mitschwimmen will.

Inhalt ist irrelevant

Wer glaubt, es komme noch auf seine bedeutungslosen 140 Zeichen Inhalt an, die er so aufmerksamkeitsverloren von sich gibt, der denkt auch, dass der Höhepunkt der Überwachung damit erreicht ist, wenn Männer in Trenchcoats mit Schlapphüten an einer Ecke deiner Straße stehen.
Es geht schon lange nicht mehr um die Inhalte, die wir von uns geben.
Metadaten sind viel aussagekräftiger.
Wann kommuniziere ich wie lang mit wem und wie häufig.
Das sind die Fragen, die sich die Überwacher stellen.
Und auf diese Fragen bekommen diese ihre Antworten, egal ob die Inhalte verschlüsselt sind oder nicht.

Und achtet mal auf eure Kinder!

Mir ist es ja egal.
Ich bin ja alt genug, aber ist euch bewusst, dass ein großer Teil der gesetzestreuen Eltern und Lehrer ihre Schützlinge in das juristische Verderben laufen lässt?
Oh. Was? Wie? Womit kommt er denn jetzt um die Ecke?
Damit:
WhatsApp ist nur für Nutzer, die 16 Jahre oder älter sind erlaubt.
Und kommt mir bitte nicht mit “aber bei Google Play steht doch USK ab 0 Jahren!”.
Google Play interessiert an dieser Stelle nicht.
Es geht um die AGB von WhatsApp und da steht:
9. Ability to Accept Terms of Service
You affirm that you are either more than 16 years of age, or an emancipated minor, […]”.
Also, liebe Eltern und liebe minderjährige Leser, jetzt überlegt euch mal was.
Und dieses “Was” ist eine vernünftige Alternative zu WhatsApp!

Geschlossen

Ein wichtiger Grundsatz von vertrauenswürdiger und sicherer Kommunikationssoftware ist Open Source.
Nur wenn wir die Möglichkeit haben, zu prüfen, wie ein kryptografischer Algorithmus implementiert ist und wenn wir sehen können, dass die Software keine Hintertüren enthält, dann können wir darauf vertrauen, dass wir an dieser Stelle auch nicht bespitzelt werden.
WhatsApp bietet dies nicht.
Natürlich können wir auf die hehren Versprechen vertrauen, dass die Entwickler von WhatsApp keine Hintertüren einbauen werden.
Allein, mir fehlt der Glauben.

Fresst Scheiße, Fliegen!

Und ich bin des Arguments überdrüssig, dass ich WhatsApp nutzen soll, bloß weil WhatsApp eine Nutzergruppe von über 1 Milliarde Teilnehmer hat.
Na und? *Müdes schulterzucken*
Ich will mich nicht mit einer Milliarde Teilnehmern unterhalten.
Ich will mich mit genau einem Menschen, bestenfalls noch mit einer überschaubaren Gruppe von Menschen unterhalten.
Vielleicht ist es pathologisch bei mir, aber ich mache nicht etwas, bloß oder gerade weil eine große Menge mehr oder minder vernunftbegabter Wesen dies tut.
Ich ernähre mich ja auch nicht von Fäkalien, bloß weil Milliarden Calliphoridae dies für eine gute Idee halten.

Setz – und nutz – ein Zeichen.

Seid doch divergent und nutzt für unterschiedliche Zwecke unterschiedliche Kurznachrichtendienste.
Es ist einfach, etwas auf seiner Funkgeige zu installieren – das könnt ihr alle und beweist es doch täglich, weil wir alle “einfach mal so” eine neue App ausprobieren.
Also probiert doch “einfach mal so” einen neuen Messenger aus.
Signal bietet alles, was WhatsApp auch bietet – nur eben besser!
Stimmt euch doch einfach mit ein paar Freunden ab und probiert mit denen Signal aus.
Tut nicht weh, macht euch aber einfach cooler.
Hebt euch doch mal aus der trägen Masse heraus und hört auf, jedem Schaf nachzublöken!

TL;DR

  • Krypto und jetzt ist alles gut? Nein!
  • WhatsApp – You’re a Liar! Verkauf unsere Daten und dann uns für blöd
  • Metadaten verraten viel mehr als 140 Zeichen
  • The Kids Are Not Alright – Lies die verdammte AGB!
  • Wem vertraue ich – oder ist Kontrolle besser?
  •  „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ – Albert Einstein
  • Signal und Divergenz

Ach und wer glaubt, dass WhatsApp jetzt ein sicheres System ist weil die Ende-zu-Ende Verschlüsselung auch zwischen verschiedenen Plattformen funktioniert (wenn man die Version aktualisiert hat…), der glaubt auch, dass McDonalds ein Bio-Burger-Brater mit fairem Anspruch ist.
Und wer wirklich einen leckeren Burger essen will, geht entweder zu My Heart Beats Vegan oder Bratar.
Lasst es euch schmecken und nichts gefallen!