Ich hab gar nix mitbekommen – Kurznachrichten und Aufmerksamkeit

Warum habe ich eigentlich ständig den Drang, der gesamten virtuellen Weltgeschichte meine aktuelle Befindlichkeit mitzuteilen?
Worin liegt für mich der Vorteil, wenn ich alle sieben Minuten meine zu diesem Zeitpunkt wesentlichen 140 Zeichen Gemütszustände poste?
Diese und drei weitere Fragen will ich in diesem Artikel betrachten und möglicherweise auch näher beleuchten.

Warum lass ich mich eigentlich immer ablenken?

Ach, was habe ich gerade gesagt, tschuldige, ich musste kurz was simsen (gibt es schon ein eigenes Verb für „Eine Nachricht mit WhatsApp verschicken„?
Heißt das “whatsappen”?.
Falls ja und falls ernsthaft in Betracht gezogen wird, dies in den Duden aufzunehmen, sehe ich schwarz für die abendländische Sprachkultur).
Die Angst, den informatorischen Anschluss zu verlieren, treibt meiner Meinung nach viele Nutzer in eine Art pawlowschen Reflex, der durch den Kurznachrichten-Signalton ausgelöst wird und nicht in erhöhtem Speichelfluss, sondern unwillkürlichem beantworten der eben eingetroffenen Nachricht führt.
Egal ob ich gerade ein Hemd bügle, eine angeregte Unterhaltung oder ein Fahrzeug führe.
In jedem Fall führt dieses Verhalten zu Verärgerung (ein Loch ins Hemd gebrannt), Missmut (die angeregte Unterhaltung für einen virtuellen geistigen Leerstand unterbrochen) oder Tod (dummerweise mit 240 km/H in den warnblinkenden 40-Tonner vor mir gerast).
Ich frage mich, ob unserer digitalisierten Gesellschaft das, was sie im Moment tut, zu langweilig ist und wir uns aus diesem Grund so gern ablenken lassen.
Es liegt wohl auch an den kleinen, leicht verdaulichen 140 Zeichen Information, die da pro Nachricht auf mich zukommen.
Darin lassen nur schwerlich längere und komplexere Gedanken formulieren.
Genau dies scheint mir auch der Grund dafür zu sein, dass wir uns so bereitwillig von diesen 140 Zeichen leichtverdaulichem Inhalt ablenken lassen:
Es ist etwas, das uns von der öden Realität, in der wir gerade stecken, ablenkt und uns eine kurze Flucht weg vom Hier ermöglicht.
Egal wohin.
Ganz schön traurig, finde ich.
Dieser Gedanke führt mich zu der Frage:

Wo bin ich eigentlich, wenn ich kurznachrichte?

Ich habe immer das Gefühl, Menschen (zum Glück hat sich das kurznachrichten mittels Funkgeige bei Hunden und Kaninchen noch nicht durchgesetzt), die durch die Gegend whatsappen (lautmalerisch gefällt mir dieses Wort: es liegt irgendwo zwischen würgen und stolpern), tun genau dieses:
sie würgen sich ein paar schnell getippte Zeichen aus den Fingern, um dann zu vermeiden, über die eigenen Füße oder gegen den nächsten Laternenmast zu stolpern.
Sie sind weder hier (auf dem Weg durch einen Park, in einem Café oder auf ihrem Fahrrad oder am Steuer ihres – für diese Aktion viel zu schnellen – Autos) noch sind sie beim zeichenwürgenden und kommunikationsverstolperten Gegenpart (ich mag es nicht Kommunikationspartner nennen, denn das ist keine Kommunikation, die hier stattfindet).
Diese armen, unbewussten Kurznachrichter, wo sind sie denn?
Möglicherweise im Fegefeuer ihrer eigenen digital präsentismus-gesteuerten Eitelkeiten. Irgendwo zwischen nicht mehr ganz Hier aber auch noch nicht ganz Dort.
Ihr habt mein Mitgefühl.
Ich wünsche euch einen plötzlichen Akkuausfall, vielleicht macht es alles eine Zeit lang (bis zur nächsten Steckdose) ein wenig bewusster 😉

Kurznachrichten fragmentieren das Denken

Die ständige –Düdelüt!– aufmerksamkeitsheischende, Wichtigkeit –Düdelüt!– simulierende Datenflut, mit der –Düdelüt!– uns die Kurznachrichtigkeit (vielleicht sollten wir uns hier auf den Begriff “Kurzunwichtigkeit” –Düdelüt!– einigen) durchschnittlich alle dreizehn Minuten (so hat es Alexander Markowetz mit seinem Menthal-Projekt herausgefunden) aus unserer –Düdelüt!– Aufmerksamkeit herausreißt –Düdelüt!Düdelüt!– finde ich schon erschreckend.
(Anmerkung des Autors: Ganz schön –Düdelüt!– ätzend, wenn so –Düdelüt!– die Aufmerksamkeit ständig unterbrochen –Düdelüt!– wird 🙂 )
Wir kommen einfach nicht in den Flow, den unser Gehirn braucht, um konzentriert und kreativ zu arbeiten.

Multitasken funktioniert nicht – mach das eine oder das andere.

Um gleich noch mit einer anderen uns so sorgsam angefütterten Mär aufzuräumen, die gerne auch im Zusammenhang mit kurznachrichtlicher Datenvermüllung angebracht wird: Multitasking.
Ich kann doch locker ne Simse schicken, während ich – zugegebenermaßen freisprachlich – telefoniere, mir einen Burger zwischen die Kiemen zerre und mit 280 Sachen Mittelklasseautos von der linken Spur jage.
Nein, kannst du nicht.
Kann niemand.
Ist Blödsinn.
Niemand kann multitasken.
Männer nicht, Frauen nicht.
Und Computer simulieren es nur durch mehrere Prozessoren.
Miriam Meckel spricht dieses Thema in Ihrem Buch “Das Glück der Unerreichbarkeit” ebenfalls an – und findet für diesen Standpunkt ebenfalls noch weitere überzeugende Argumente.
Wir sind Menschen.
Wir können – wenn wir uns konzentrieren und nicht abgelenkt werden – eine Sache gleichzeitig machen.
Wir sollten nicht versuchen etwas zu imitieren, was einfach nicht in unserer Natur liegt.
Mach das Eine. Mach das bewusst und aufmerksam.
Und dann mach das Andere.
Wenn du versuchst beides gleichzeitig zu machen, schaffst du eines ganz sicher:
nämlich keines der beiden Dinge richtig.

Kann ich etwas tun? Was kann ich tun?

Klar kannst du etwas tun.
Nämlich genau eine Sache.
Ich sage nicht: Kurznachrichte nicht.
Ich sage: Kurznachrichte bewusst.
Bleib stehen, wenn du eine Kurznachricht liest oder schreibst.
Es erhöht deutlich die Qualität deiner Inhalte und es erhöht deutlich die Qualität deines Erlebens.
Vielleicht erhöht es auch die Qualität deines Lebens, wenn du mit 280 Sachen auf der Autobahn unterwegs bist.
Überleg dir bewusst, was du schreiben willst.
Schreib nicht bloß als pawlowscher Reflex.
Schreibe, weil du etwas zu schreiben hast.
Gönne dir Pausen.
Schreib nicht immer.
Lass dich in den Flow kommen und schalte deine digitale Bedrohung auch mal aus.
Wenn du dir Zeiten setzt, in denen du mal nicht gestört wirst, dann wird dein Erleben deiner aktuellen Tätigkeit deutlich besser werden.
Auch hier sage ich nicht: Schreibe keine Kurznachrichten.
Ich sage: Schreibe zu festgelegten Zeiten.
Es geht bei deinen Inhalten nicht um zeitkritische Dinge, sowas solltest du sowieso nicht per Kurznachrichtendienst übermitteln, denn es ist keine Echtzeitkommunikation und die Illusion von Sofortnachrichten ist eben nur eine Illusion.
Die Nachricht kann einfach mal irgendwo hängen bleiben.
Wenn du jemand sofort erreichen willst, ruf an!

TL;DR

  • Wieder nicht aufgepasst: Warum lass ich mich ablenkenn
  • Heute hier, morgen dort: Wo bin ich eigentlich, wenn ich kurznachrichte?
  • Ich kann mich nicht konzentrieren: Kurznachrichten fragmentiert das Denken
  • Alles zeitgleich ist gleichzeitig nichts richtig: Multitasking funktioniert nicht
  • Was tun? Was lassen? – Welche Wege führen aus dem Kurznachrichtenirrsinn?

Und jetzt lest mal zur Abwechslung ein paar gute Bücher (bzw. Essays) zu dem Thema:

Was kann schon passieren…ich hab ja nix zu verlieren!

Es geht nicht darum, ob wir etwas zu verheimlichen haben.
Mir geht es gar nicht darum, ob ich durch mein ständiges gesimse (erinnert ihr euch noch an die Zeiten, als Gesimse etwas mit Fassadengestaltung zu tun hatte, anstelle von elektronischen Kurznachrichten?), gechatte und geschnatter meine Zeit verschwende oder tatsächlich wichtige Informationen verteile.
Heute will ich ein Plädoyer dafür halten, dass wir uns keine Gedanken darüber machen sollten, ob wir etwas zu verlieren oder zu verheimlichen haben, wenn wir in der digitalen Weltgeschichte herumtexten.

Es geht darum, dass es unser Recht ist.

Unsere – und ganz viele andere – Gesellschaften gründen auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und eines dieser Menschenrechte ist das Recht auf den Schutz der Privatsphäre.
So heißt es in Artikel 12:
Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.
Deutlicher geht es wohl kaum noch, um laut und klar vernehmlich allen Datenschnorchlern, sei es aus politischen Gründen, im Zeichen des Terrorschutzes (wobei ich mich frage, ob die flächendeckende Überwachung nicht ebenso eine Form des Terrors ist) oder für rein wirtschaftliche Zwecke, zu sagen:
Finger weg von meinen Daten! Es geht euch nichts an!
Und es geht sogar noch deutlicher:
Im Grundgesetz lesen wir in Artikel 10:
Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.
Da steht nicht, wir stimmen zu, dass zu Werbezwecken unsere Nachrichten untersucht werden dürfen.
Oder auch die anlasslose Überwachung ist damit schlicht und einfach nicht vereinbar.
Nein, da steht ganz klar “unverletzlich”.
Dieses Grundrecht macht uns quasi zum Superman der Kommunikation.
Niemand darf ohne meine Zustimmung lesen, was ich einer anderen Person im Vertrauen schreibe.
Und das Kryptonit der digitalen Auswertung und Überwachung darf einfach nicht eingesetzt werden.
Punkt.

Deus Ex Machina der Datensammler: Metadaten

Und wieder komme ich auf Metadaten zu sprechen.
Diese fallen an und zwar vollkommen unabhängig davon, was wir inhaltlich mitteilen. Für die Datenauswerter sind die dabei anfallenden Metadaten das neue Datengold.
Die fünf W der Datensammlung sind der Maßstab, mit dem die Datenkraken messen:

  • wer
  • wann
  • wo
  • mit wem
  • wie oft

Momentan liefern wir diese Daten einfach mit, es führt kein Weg daran vorbei.
Und was ich noch viel entrüstender finde:
Diese Metadaten verletzen aus der Sichtweise der Datensammler noch nicht einmal die oben angeführten Grundrechte, denn sie wurden einfach aus dem zu schützenden Inhalt herausdefiniert.
Da kann ich nur sagen:
Vielen Dank liebe Regierungen, da habt ihr einen tollen Job beim Schutz eurer Schutzbefohlenen geleistet!
Ich halte die Information darüber, wer, wann, wo und wie oft mit wem kommuniziert für genauso schützenswert wie den Inhalt, den ich mitteile!

Und was kann passieren?

Ja, was kann jetzt passieren, wenn wir dauerhaft und flächendeckend rund um die Uhr überwacht werden?
Wir verlieren uns selbst.
Wir verlieren die Möglichkeit, uns zurück zu ziehen.
Wir verlieren den Freiraum, in dem wir uns entwickeln können.
Wir verlieren unsere Freiheit und unsere Privatsphäre.
Wir werden reduziert zu Laborratten, die ständig beobachtet und nach dem Willen der “überwachen Augen [die] zehnmal schärfer sehen” wie Rio Reiser es singt.
Und schon lange heißt es nicht mehr nur “Big Brother Is Watching You”.
Nein, es sind auch seine geldgierige Tante Facebook, sein datengieriger Großonkel Google und seine vollkommen paranoiden Cousins NSA, GCHQ und BND, die uns unserer Privatsphäre berauben und uns viel umfassender und effektiver – weil wir zu einem Großteil freiwillig mitmachen – überwachen.

Unter Generalverdacht der überwachen(den) Augen

Der Wahnsinn der allumfassenden und verdachtslosen Überwachung stellt uns alle unter den Generalverdacht der – Gesetz bewahre! – Individualität.
Wo kommen wir denn hin, wenn hier jeder denkt und sagt, was er will.
Wenn das so weiter geht, verlangt dann noch jemand Gedankenfreiheit.
So weit wird’s kommen.
Dann wird das ja mit der “interessenbezogenen” Werbung oder der zielgruppengesteuerten Produktplatzierung ganz schwierig.
Das wirkt sich dann natürlich ganz schlecht auf die quartalsgetriebenen Marktprognosen aus.
Und der Terrorschutz erst.
Wenn wir hier nicht ganz genau hinschauen, dann werden wir überrannt werden.
Von rechts und links.
Oben und unten.
Minimalistisch, extremistisch, extraterrestrisch oder aquaristisch gar!
Das Abend- wie das Morgenland würde sich plötzlich in einem unüberwachten Moment auflösen und was wäre dann da?
Anarchie womöglich!
Dann hätte “jeder sein eigen Glück unter den Händen” wie Johann Wolfgang von Goethe es denkt.
Das wäre natürlich schrecklich für die Generalverdächtiger.

Wir werden angreifbarer

Ja glauben denn die Datensammler, dass sie unsere Daten für immer unter Verschluss halten können?
Lernen sie nichts aus den zunehmenden erfolgreichen Datendiebstählen?
Glauben sie denn ernsthaft, dass sie unangreifbar sind?
Je mehr Daten uns gestohlen werden, desto angreifbarer werden wir.
Nicht nur durch die Datensammler selbst, die Geheimdienste, die Datenkraken.
Nein, auch die andere dunkle Seite der Datenmacht, die Datenkriminellen, die digitalen Räuber sind dankbare Profiteure dieser maßlosen Datenflut.
Die Daten, die sie Google, Facebook, NSA und GCHQ stehlen können, brauchen sie vorher uns gar nicht selbst aus den Tablets, Smartphones und IoT-Geräten stehlen. Nein, diese bekommen sie dort schon einsatzbereit korreliert geliefert.
Welch wunderbare kriminelle Utopie steht auch diesen Datendieben bevor.

TL;DR

  • Mensch, dein Recht: Das Recht auf Privatsphäre und unverletzte Kommunikation
  • Behold, what I have seen: Metadaten
  • Was kann schon passieren: Die Eisscholle der Privatsphäre in der Datenhölle der Überwachung
  • Wir sind alles Terroristen: Unter Generalverdacht
  • Gestohlen, gesammelt, korreliert: Wir werden angreifbarer

Und jetzt?
Empört euch, schreibt Briefe, dann müssen wieder mehr Postbeamte zum scannen unserer Kommunikation eingestellt werden 🙂

Wie kurznachrichte ich sicher?

Was wollen wir überhaupt erreichen, wenn wir jemandem eine Kurznachricht senden und warum sollte dies denn überhaupt sicher sein?
Fragen über Fragen, aber gut ist es, wenn wir uns diesen stellen.
Denn dann können wir erst bewerten, worauf es uns dabei ankommt.
Wenn es euch gänzlich egal ist, dann solltet ihr an dieser Stelle aufhören weiterzulesen und postet stattdessen lieber ein Selfie von eurem nächsten Schritt in eure Datenunmündigkeit.
Wir anderen überlegen uns, was wir erreichen wollen.

Was kurznachrichte ich?

Nun, wir sprechen hier von KURZnachrichten.
140 Zeichen.
Da lässt sich jetzt eine längere philosophische Betrachtung der Notwendigkeit von Gut und Böse in einer dualistischen Welt eher schwerlich abhandeln (schon diesen Titel bekommen wir nur unter schmerzlichen Kürzungen zustande).
Eine KURZnachricht sollte einen KURZEN Inhalt in der Form von
Ich komme um 14 Uhr am Bahnhof an.” haben.
Gut, ein bissel länger geht schon, aber ich denke, ich habe mich verständlich gemacht.
Meine Aussage hinsichtlich eines kurzen INHALTs sehe ich auch noch aus einem anderen Blickwinkel:
Habe heute wieder ein lila-getupftes Hemd an! Toll!!!1!!! 🙂” ist zwar kurz, aber kein INHALT.
Können wir also vergessen.
Um dies jetzt aus Sicht von “wie kurznachrichte ich sicher” zu sehen, empfehle ich einen Dienst, der die INHALTE verschlüsselt.
Das macht mittlerweile fast jeder. Sogar WhatsApp. Wenn alle beteiligten Kommunikationspartner die aktuelle Version haben.
Wenn euer Messenger das nicht kann, dann sucht euch einen anderen.

Was bedeutet “sicher”?

Welche Sicherheit streben wir nun an, wenn wir sicher kurznachrichten wollen?

  • Meine Nachricht soll nicht mitgehört werden.
    Das erreichen wir – wie bereits erwähnt – dadurch dass wir unsere Kommunikation verschlüsseln. Dies bieten – wie auch bereits erwähnt – mittlerweile die meisten Dienste an. Wenn uns das ein Bedürfnis ist und unser aktuell genutzter Dienst das nicht bietet, ist meine Empfehlung (wie bereits erwähnt): sucht euch einen anderen Dienst.
  • Ich will sichergehen, dass ich wirklich mit demjenigen kurznachrichte, mit dem ich denke, dass ich kurznachrichte.
    Auch für die Aufgabenstellung der Authentifikation bieten die meisten Anbieter von Kurznachrichtendiensten eine Lösung. Das kommt quasi im Zuge der Veschlüsselung mit oben drauf, dass die Nachrichtenaustauscher die Möglichkeit haben, zu überprüfen, dass tatsächlich sie miteinander kurznachrichten und nicht irgendjemand sich in die Leitung geklemmt hat.

Als weiteres Schmankerl der hier verwendeten Kryptografie ist weiterhin die Möglichkeit inkludiert, zu überprüfen, ob die Nachricht auf der Strecke von A nach B verändert wurde.
Wenn ich jetzt also schreibe:
Ich komme um 14 Uhr am Bahnhof an.” und meine Nachricht wird auf dem Weg in: “Ich komme um 15 Uhr am Bahnhof an.” geändert, führt dies nur zu Ungemach und Ärger, wenn der Empfänger der Nachricht nicht feststellen kann, dass die Nachricht geändert wurde.

Ist Anonymität möglich?

Meiner Ansicht nach: nein.
Im Kurznachrichtendienstbereich ist keine Anonymität möglich, da wir immer digitale Spuren hinterlassen.
Schon allein dadurch, dass wir (meist) unsere Handynummer angeben müssen, damit unsere Nachrichten uns erreichen, ist das mit der Anonymität schon mal Essig.
Mike Kuketz hat das Thema Anonymität im Internet in seinem Blog sehr schön beleuchtet.
Außerdem gibt es ja noch das Über-Thema der Metadaten, die fallen halt einfach an!

Metadaten werden immer gesammelt

Da auch die dateninteressierten Anbieter der Kurznachrichtendienste mittlerweile begriffen haben, dass der Inhalt der meisten Nachrichten nicht die Bits und Bytes wert sind, die dafür ihr digitales Leben lassen mussten, haben auch so fortschrittliche Anbieter wie WhatsApp den Schritt zur Verschlüsselung der Kommunikation getan.
Es sind die Metadaten, die unsere Kommunikation so wertvoll machen.
Wer mit wem, wann, wie oft, wo?
Dies sind die Fragen, welche die Datenschürfer interessiert – und auf die sie auch alle Antworten bekommen. Unabhängig davon, ob die Nachrichten verschlüsselt sind.
Die Inhaltsleere der Nachrichten ist den Datenjägern und -sammlern längst bewusst. Die für sie wertschöpfende (und uns ausbeutende) Korrelation findet mehr als ausreichend über die Metadaten statt.

Beschränke dich!

Aber was können wir gegen diese perfide Art der Überwachung unternehmen?
Heulen und zähneknirschen?
Hilft – solange wir während dessen nicht auch in der Gegend herum texten:
Heule und zähneknirsche gerade!!!1!!!!1!
Nein, beschränken wir uns.
Liefern wir keine Metadaten.
Wir haben doch auch überlebt (und besser möchte ich meinen), als wir nicht alle sieben Minuten unseren geistigen Sondermüll in der virtuellen Gegend herumgeschickt haben!
Datensparsamkeit ist die einfachste und wirksamste Maßnahme, um die Datengier einzubremsen.
Außerdem tun wir uns und unseren Kommunikationspartnern einen riesigen Gefallen, wenn wir den Datenmüllberg nicht noch um etliche sinnlose Daten erhöhen.

Das hohe Lied auf Open Source

Es gibt so ein paar grundlegende Eigenschaften, die im Bereich sichere Kommunikation einfach immer wieder auftauchen.
Und dazu gehört auch Open Source.
Software, die sich ernsthaft mit Verschlüsselung beschäftigt, sollte eben Open Source sein.
Nur dadurch kann sichergestellt werden, dass

  • die Algorithmen richtig implementiert sind
  • keine Hintertüren eingebaut sind

Darum werde ich hier auch nicht müde zu sagen:
Achtet darauf, dass der Messenger den ihr einsetzt, Open Source ist.
Und WhatsApp ist das eben nicht.

Vielseitigkeit

Seid nicht so einseitig.
Hängt eure Gunst nicht an einen Schreihals, bloß weil dieser die meisten Datenschleudern hat.
Was wollt ihr denn?
Die Welt erreichen?
Dann ist der Weg über Kurznachrichten meiner Ansicht nach sowieso der Falsche.
Mit Kurznachrichten will ich einen oder maximal eine handvoll Empfänger erreichen – mehr nicht.
Dazu muss ich nicht den Dienst wählen, der die meisten Teilnehmer hat, sondern den Dienst, den mein Empfänger nutzt. Und das kann ich ganz individuell mit diesem Empfänger auskaspern.
Daher mein Rat:
Nutze doch einfach mehrere Anbieter und stifte ein wenig Verwirrung um deine Kommunikationswege.

Und was bleibt mir sonst?

Kurznachrichtendienste sind ja nicht die einzige Möglichkeit, um miteinander in Kontakt zu bleiben.
Schreibt doch einfach mal eine Postkarte.
Ist auch kurz (sogar, wenn man klein schreibt, länger als 140 Zeichen).
Liest auch kein Mensch.
Ist zwar offen, aber so offensichtlich, dass hier niemand große Geheimnisse erwartet. Das sieht auch Hans Magnus Enzensberger in seinen „Regeln für die digitale Welt“ so.
Außerdem ist eine Postkarte deutlich anonymer als jede digitale Kurznachricht 🙂
Und wenn jetzt hier Gemaule über die Laufzeiten von Postkarten losbricht:
Mir geht es um KURZnachrichten, nicht SOFORTnachrichten!

TL;DR

  • Mehr Inhalt statt Datenmüll: Was kurznachrichte ich
  • Was ist schon Sicherheit: Confidentiality, Integrity, Authenticity
  • Anonym ist anders: Das kriegen wir hier nicht
  • Hättest du geschwiegen wärest du geheim geblieben: Datensparsamkeit
  • Die Quelle aller Sicherheit: Open Source
  • Sei bunt, sei vielseitig, sei frei!
  • Snail Mail rules: ein Hoch auf Postkarten

Und jetzt?
Schweigen und die Sonne genießen. Ohne es zu posten.

Wie? Immer noch WhatsApp?

Na, jetzt ist ja alles gut!
Jetzt wo WhatsApp schließlich Ende-zu-Ende verschlüsselt ist!
Jetzt können wir uns alle beruhigt zurücklehnen und weiterhin jeden geistigen Müll in der digitalen Welt verteilen:

  • das ich wieder erfolgreich mein Hemd zugeknöpft habe,
  • meine Socken gebügelt habe (natürlich wahlweise mit Bild oder Video!),
  • wann der nächste Terroranschlag stattfinden soll [liebe NSA, wahlweise auch BND: bloß weil hier das Wort “Terroranschlag” vorkommt, bedeutet es nicht, dass ich einen solchen plane. Falls ihr es doch denkt, kommt mich doch bitte besuchen, meine Adresse rauszufinden solltet sogar ihr fehlerfrei hinbekommen.]
  • oder was ich über meinen Chef, diese *§$!# Pfeife, denke.

Das alles kann ich ja jetzt von mir geben! Kann ja keiner mehr lesen.
Yeah-yeah-yeah.
Oh, bitte.
Glauben wir wirklich, dass es das war?

WhatsApp hat uns verraten

Vergessen wir da vielleicht nicht, dass WhatsApp nicht wegen seiner tollen, innovativen Ideen im Bereich Kurznachrichten von Facebook gekauft wurde, sondern weil es einen riesigen Pool von Adressen (WhatsApp hatte zu diesem Zeitpunkt 450 Millionen Nutzer) angehäuft hatte.
Die Technik hinter WhatsApp war weder neu, noch sicher, geschweige denn innovativ.
Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber jemandem, der mir meine Daten aus meinem Adressbuch gestohlen hat, glaube ich nicht auf einmal, dass er jetzt plötzlich zu den Guten gehört, bloß weil er jetzt auf einer Welle der Krypto-Sympathisanten mitschwimmen will.

Inhalt ist irrelevant

Wer glaubt, es komme noch auf seine bedeutungslosen 140 Zeichen Inhalt an, die er so aufmerksamkeitsverloren von sich gibt, der denkt auch, dass der Höhepunkt der Überwachung damit erreicht ist, wenn Männer in Trenchcoats mit Schlapphüten an einer Ecke deiner Straße stehen.
Es geht schon lange nicht mehr um die Inhalte, die wir von uns geben.
Metadaten sind viel aussagekräftiger.
Wann kommuniziere ich wie lang mit wem und wie häufig.
Das sind die Fragen, die sich die Überwacher stellen.
Und auf diese Fragen bekommen diese ihre Antworten, egal ob die Inhalte verschlüsselt sind oder nicht.

Und achtet mal auf eure Kinder!

Mir ist es ja egal.
Ich bin ja alt genug, aber ist euch bewusst, dass ein großer Teil der gesetzestreuen Eltern und Lehrer ihre Schützlinge in das juristische Verderben laufen lässt?
Oh. Was? Wie? Womit kommt er denn jetzt um die Ecke?
Damit:
WhatsApp ist nur für Nutzer, die 16 Jahre oder älter sind erlaubt.
Und kommt mir bitte nicht mit “aber bei Google Play steht doch USK ab 0 Jahren!”.
Google Play interessiert an dieser Stelle nicht.
Es geht um die AGB von WhatsApp und da steht:
9. Ability to Accept Terms of Service
You affirm that you are either more than 16 years of age, or an emancipated minor, […]”.
Also, liebe Eltern und liebe minderjährige Leser, jetzt überlegt euch mal was.
Und dieses “Was” ist eine vernünftige Alternative zu WhatsApp!

Geschlossen

Ein wichtiger Grundsatz von vertrauenswürdiger und sicherer Kommunikationssoftware ist Open Source.
Nur wenn wir die Möglichkeit haben, zu prüfen, wie ein kryptografischer Algorithmus implementiert ist und wenn wir sehen können, dass die Software keine Hintertüren enthält, dann können wir darauf vertrauen, dass wir an dieser Stelle auch nicht bespitzelt werden.
WhatsApp bietet dies nicht.
Natürlich können wir auf die hehren Versprechen vertrauen, dass die Entwickler von WhatsApp keine Hintertüren einbauen werden.
Allein, mir fehlt der Glauben.

Fresst Scheiße, Fliegen!

Und ich bin des Arguments überdrüssig, dass ich WhatsApp nutzen soll, bloß weil WhatsApp eine Nutzergruppe von über 1 Milliarde Teilnehmer hat.
Na und? *Müdes schulterzucken*
Ich will mich nicht mit einer Milliarde Teilnehmern unterhalten.
Ich will mich mit genau einem Menschen, bestenfalls noch mit einer überschaubaren Gruppe von Menschen unterhalten.
Vielleicht ist es pathologisch bei mir, aber ich mache nicht etwas, bloß oder gerade weil eine große Menge mehr oder minder vernunftbegabter Wesen dies tut.
Ich ernähre mich ja auch nicht von Fäkalien, bloß weil Milliarden Calliphoridae dies für eine gute Idee halten.

Setz – und nutz – ein Zeichen.

Seid doch divergent und nutzt für unterschiedliche Zwecke unterschiedliche Kurznachrichtendienste.
Es ist einfach, etwas auf seiner Funkgeige zu installieren – das könnt ihr alle und beweist es doch täglich, weil wir alle “einfach mal so” eine neue App ausprobieren.
Also probiert doch “einfach mal so” einen neuen Messenger aus.
Signal bietet alles, was WhatsApp auch bietet – nur eben besser!
Stimmt euch doch einfach mit ein paar Freunden ab und probiert mit denen Signal aus.
Tut nicht weh, macht euch aber einfach cooler.
Hebt euch doch mal aus der trägen Masse heraus und hört auf, jedem Schaf nachzublöken!

TL;DR

  • Krypto und jetzt ist alles gut? Nein!
  • WhatsApp – You’re a Liar! Verkauf unsere Daten und dann uns für blöd
  • Metadaten verraten viel mehr als 140 Zeichen
  • The Kids Are Not Alright – Lies die verdammte AGB!
  • Wem vertraue ich – oder ist Kontrolle besser?
  •  „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ – Albert Einstein
  • Signal und Divergenz

Ach und wer glaubt, dass WhatsApp jetzt ein sicheres System ist weil die Ende-zu-Ende Verschlüsselung auch zwischen verschiedenen Plattformen funktioniert (wenn man die Version aktualisiert hat…), der glaubt auch, dass McDonalds ein Bio-Burger-Brater mit fairem Anspruch ist.
Und wer wirklich einen leckeren Burger essen will, geht entweder zu My Heart Beats Vegan oder Bratar.
Lasst es euch schmecken und nichts gefallen!