Ein paar unbequeme Gedanken zur Bequemlichkeit

Als bequemen Abschluss meiner Reihe über den Widerspruch, den uns der Drang nach Bequemlichkeit und die Notwendigkeit von Privatsphäre auferlegen, mache ich mir heute noch einige unbequeme Gedanken zur Bequemlichkeit.
Ich will noch einmal eindrücklich darauf hinweisen, dass wir stets in einem Spannungsfeld zwischen Bequemlichkeit und Privatsphäre leben.
Wenn wir mehr von dem Einen haben, geben wir zwangsläufig etwas von dem Anderen auf.
So ist das im Leben – wir können nicht alles haben.
Und ich bin überzeugt davon, dass dies auch gut ist.
Wir werden uns bewusster, dass wir uns gezielt für etwas – und auch am besten gezielt gegen etwas – entscheiden.
Einen guten ersten Schritt haben wir schon getan, wenn wir uns bewusst machen, wofür wir uns entscheiden.
Wenn wir bewusst sagen, ja ich gebe einen Teil meiner Privatsphäre auf, um dafür etwas mehr Bequemlichkeit zu erhalten.
Und die Erkenntnis, dass wir uns bewusst für die eine Seite und damit ebenfalls bewusst gegen die andere Seite entscheiden, ist entscheidend.
Erst dann sind wir nicht mehr von außen gesteuert.
Erst dann haben wir die Möglichkeit, eine echte Entscheidung zu treffen.
Bewusst für eine Stärkung unserer Privatsphäre einzutreten.

Bequemlichkeit schafft Trägheit

Ich hatte bereits im ersten Teil meiner Bequemlichkeitsserie geschrieben, dass wir aktiv gar nichts tun müssen, um eine höhere Ebene der Beuquemlichkeit zu erreichen.
Dorthin werden wir automatisch von Bequemlichkeit schaffenden Errungenschaften befördert.
Die damit einhergehende Aufgabe der Privatsphäre (wobei es paradoxerweise die Aufgabe der Privatsphäre ist, diese Aufgabe zu verhindern) nehmen wir im Rahmen der bequemen trägheitssteigernden Bequemlichkeitszunahme gern in Kauf.
Andererseits erfordert es von uns Aktivität und Bereitschaft, sich dem von außen verordneteten Zuwachs an Bequemlichkeit zu widersetzen.
Mir kommen die Borg in den Sinn, wenn ich hier über den konstanten und von externen Seiten verordneten Zuwachs von Bequemlichkeit in unserer Gesellschaft nachdenke:

"Widerstand ist zwecklos!"

Was im übrigen überhaupt nicht stimmt.
Widerstand ist selten zwecklos (also nur, wenn man den Widerstand beispielsweise überbrücken kann).
Widerstand ist erstmal das Verhältnis zwischen elektrischer Spannung und der Stärke des durchfließenden Stroms:

R = U/I

Also – um es für uns und unsere Betrachtung des Verhältnisses von Bequemlichkeit und Privatsphäre zu verdeutlichen, müssen wir anerkennen, dass es Kraft kostet, aktiv zu werden.
Aufwand, Bewusstheit oder was auch immer ist der Preis, den wir bezahlen müssen, wenn wir uns der zunehmenden Bequemlichkeit widersetzen wollen.
Es ist also gewissermassen ein Luxus, Privatsphäre zu hegen und zu pflegen.
Nur die wenigsten leisten ihn sich.
Aber der Aufwand lohnt sich!
Ehrlich.
Stellen wir uns vor, wir sind ein Widerstand.
Einer von den ganz großen.
Und von außen strömt immer mehr Bequemlichkeitsgedränge auf unsere Privatsphäre ein.
Also müssen wir dem unseren inneren Widerstand dagegenhalten.
Ansonsten wird unsere Privatsphäre immer weiter vom Bequemlichkeitsstrom zurückgedrängt.
Und das wollen wir nicht.

Am anderen Ende der Bequemlichkeit

Richten wir unsere Gedanken auf das andere Ende der Bequemlichkeit.
Was ist dort, auf der jenseitigen Seite eines bequemen Lebens.
Also dort, wo wir uns gänzlich der Bequemlichkeit anheim geworfen haben und jegliche Privatsphäre einem mehr und immer mehr an Bequemlichkeit geopfert haben.
Dort, im Schlaraffenland der Trägheit – manche würden es wohl Hölle nennen – wird etwas Neues aus unserer Bequemlichkeit.
Nämlich Notwendigkeit.
Es ist nicht mehr reine Bequemlichkeit, die uns drängt und zieht, immer bequemer zu werden.
Der Drang zur Bequemlichkeit wird zur Notwendigkeit.
Wir werden alles tun, jeglichen Rest unserer Persönlichkeit aufgeben, um der Notwendigkeit zu immer mehr Bequemlichkeit nachzukommen.
Wenn wir schon jetzt für ein kleines bisschen mehr Streaming, für ein wenig mehr Kaufempfehlungen oder ein bisschen weniger Tipparbeit beim Ausfüllen eines Formulars bereit sind, Teile unserer Privatsphäre zu opfern … wie weit sind wir dann noch davon entfernt, etwas mehr Privates, Intimes für das bisschen mehr Bequemlichkeit herzugeben?
Je mehr wir uns der wachsenden Bequemlichkeit in den gierigen Schlund werfen, desto schwieriger wird der Weg zurück zu einer starken Privatsphäre.
Er wird schwieriger – aber nicht unmöglich.
Darum an dieser Stelle mein dringender Aufruf:
Niemals aufgeben.
Oder wie Gordon Shumway es paraphrasiert:

"Es ist selten zu früh und niemals zu spät."

Es könnte aber auch anders funktionieren…

Ein hehres Ziel beim Schreiben meiner Artikel ist es, auf einer positiven Note zu enden.
Andernfalls beschleicht mich das Gefühl, wie ein Weltuntergangsverschwörungstheoretiker zu klingen.
Und das will ich ja auch nicht.
So klingen.
Nein, ganz ohne Ernst.
Ich bin auch ein Mensch und ich hab es gerne bequem.
Schließlich meißle ich diese Artikel nicht auf Steintafeln, sondern nutze bequeme Onlinedienste, um meine Gedanken in alle Welt zu verteilen.
Von diesem Standpunkt ausgehend habe ich einige Ideen gesammelt, wie Bequemlichkeit und Privatsphäre vielleicht an der einen oder anderen Stelle zusammenkommen können.

  • Ein Intranet der Dinge
    Also, gerne die ganze Heimautomatisierung, aber eben nur lokal.
    Wenn man denn unbedingt das Licht in der Speisekammer direkt aus dem Fernsehzimmer drei Etagen weiter oben dimmen will.
    Oder eben zentral alle Rolläden gleichzeitig runterlassen will – das wirkt dann wirklich ein bissel wie Zombie-Apokalypse (oder wenn die krummbucklige Verwandtschaft anrückt…).
    Ist alles prima bequem – und muss definitiv nicht im Internet hängen.
    Es ist wirklich kein sinnvoller Anwendungsfall, das Licht im Gästeklo per Smartphone vom Strand auf Ko Samui aus zu steuern.
    Isses nicht.
    Egal, was euch die Werbung einzuimpfen versucht.
  • Ein Fitness-Tracker, der nur meine Fitness trackt und nicht meine Privatsphäre
    Es ist doch erstmal technologisch gesehen das einfachste Ding, die Daten nur dort zu erfassen und zu verarbeiten, wo sie entstehen.
    Der ganze Müll mit der Auswertung auf den Servern der Hersteller – und der Korrelation auf den Servern der 23 weiteren Datenkraken – trägt für den Nutzer nicht zur Verbesserung des ursprünglichen Zweckes des Fitness-Trackers bei.
    Jajaja, Wettkampf als Motivation und globale Vergleichswerte zur besseren Erfolgskontrolle, bla, bla, bla … und weitere Hohlphrasen der Marketingabteilungen der Datenkraken.
    Ist alles nur leeres Gewäsch.
    Das Einzige, was wir aus diesen geschliffenen pseudo-wissenschaftlichen Behauptungen für uns herausziehen können ist die Erkenntnis, dass wir nicht der Kunde sind – sondern das Produkt.
    Und somit den Datenkraken als Datenmine, die geschürft wird, dienen sollen.
    Ein trauriges Beispiel dafür hat letztes Jahr der Kauf von Pebble durch fitbit gezeigt.
    Ich bin davon überzeugt, dass Pebble nicht aufgrund seiner innovativen Fitness-Trackern gekauft wurde, sondern um einen privatsphären-affinen Konkurrenten aus dem Rennen zu grätschen.
    Traurig, denn Pebble kam schon recht nah an die Idee vom lokalen Fitness-Tracker heran.

Was in diesem Kontext gar nicht geht, sind die „Wir lernen von den Verhaltensweisen der anderen Nutzer“ Dystopien.
Ich kann dann meine Deep-Learning-Wanze Alexa nicht um Rat fragen und erwarten, eine Antwort zu bekommen, die für mein Profil (basierend auf 7385 ähnlichen Anfragen aus meinem Freundeskreis) eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 87,34 % hat.
Aber auch an dieser Stelle frage ich wieder:
Wer braucht das schon?
Ich konnte mich auch früher ganz ohne Fashion-Tipps einer künstlichen Unintelligenz für die Klamotten entscheiden, die mir gefallen haben – und sonst keinem.
Schade, mein hehres Ziel wieder verfehlt…

TL;DR

  • Resistance is futile: Bequemlichkeit schafft Trägheit
  • In der Hölle gibt es keine Regenbögen: Am anderen Ende der Bequemlichkeit
  • Wenn ich mir etwas wünschen dürfte: Es könnte aber auch anders funktionieren…

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Darum, liebe Leser, gebt euren Widerstand nicht auf – oder beginnt damit, ihn zu entwickeln.
Es gibt etwas da draußen, für das es sich lohnt, die Bequemlichkeit einzuschränken.
Wir wollen doch nicht alle aussehen und handeln wie die traurig daherschlurfenden und zentral gesteuerten Borg.

Resistance is not futile!

Wehren wir uns.