Wie gefährdet Bequemlichkeit unsere Privatsphäre

Dann betrachten wir heute einmal die bequemen Helferlein, die danach trachten, unser Leben zu vereinfachen – und dabei leider unsere Privatsphäre auflösen.
Die Bequemlichkeit von uns Nutzern ist der Hauptgrund für die Gefährdung unserer Privatsphäre.
Wenn wir den Zustand unserer zunehmend eingeschränkten Freiheit beklagen und dabei die Schuld bei den „bösen“ Geheimdiensten oder den „unfairen“ Internetkonzernen suchen, dann ist das deutlich zu kurz gesprungen.
Es ist einfach, die Schuld stets außerhalb unseres eigenen Verantwortungsbereiches zu suchen.
Erst wenn wir die Verantwortung für unser Handeln selbst übernehmen, haben wir Einfluss darauf, wie unsere Privatsphäre aussieht.
Unsere Privatsphäre ist nun mal unsere private Angelegenheit – also nehmen wir dieses Thema am besten auch in unsere eigenen Hände.

TL;DR

  • Schlüssellos – Schlüssel los: KeylessGo, oder besser: CarlessNoGo
  • SmartTV und Alexa-artiges: Wenn unser Entertainment-Center uns belauscht
  • Biometrie: Ich würd meinen Finger für meine Bequemlichkeit hergeben…
  • Smartphones: Die Wanze in unserer Tasche
  • Kreditkarten: Ich zahle mit meinen guten Daten
  • Der Datenteufel Kundenkarte: Hold back and don’t Payback

Wenn unser Entertainment-Center uns belauscht

Ich bin technologischen Entwicklungen gegenüber doch deutlich aufgeschlossen und plädiere ja auch nicht dafür, dass wir uns nur noch am Lagerfeuer Geschichten erzählen sollten.
Deswegen finde ich Entwicklungen wie Netflix und andere Streaming-Dienste ja echt toll.
Schauen wann ich will.
Das macht einem das Leben deutlich einfacher.
Das Abendessen muss nun nicht mehr vor der 20-Uhr-Tagesschau fertig sein, damit wir den neuen Tatort oder den Blockbuster auf Kanal 832 um viertel nach acht in aller Ruhe schauen können.
Ne, jetzt können wir den Feierabend-Krimi starten wann wir wollen!
Freiheit, ich nenne dich Internet!
Also gut, einen internetfähigen Fernseher find ich klasse.
Aber wieso um George Orwells Willen muss der mir immer zuhören?
Schaffe ich es wirklich nicht mehr, eine Hand vom kühlen Bier zu lösen oder aus der Chipstüte zu ziehen, um einen Knopf auf der Fernbedienung zu drücken?
Muss ich meinen Kanalwechselwunsch wirklich akustisch verbalisieren?
Leute, wenn ich das Gerät mit einem gesprochenen Befehl einschalten will, dann muss es mir zwangsläufig immer zuhören.
Und es hört alles was ich sage.
Also keine vertraulichen Gespräche mehr in der guten Stube.
Das Ding hört was ich sage.
Und wir wissen nicht, was es mit dem Gesagten so alles anstellt.
Mir kommen da die Worte von General Keith Alexander in den Sinn:

„Warum können wir nicht eigentlich alle Signale immer abfangen.“
Tja, lieber Herr General – können wir doch.
Und machen wir.
Und es beschränkt sich ja nicht nur auf den ans Internet angeklemmten televisionären Lauschangriff.
Alexa und wie die anderen hardware gewordenen feuchten Stasiträume auch heißen – sie belauschen uns in jedem Raum.
Weil – wir wollen ja ganz praktisch per Sprachbefehl aus der Küche heraus das Licht im Schlafzimmer dimmen, die Waschmaschine starten und schon einmal zehn Liter … bestellen.
Weil – is ja alles so schön bequem.
Ich frage mich immer öfter, ob wir eigentlich noch alle Latten am Zaun haben.
Vielleicht frage ich mal Alexa…

KeylessGo, oder besser: CarlessNoGo

Zunächst einmal ist mir bei diesem sicherheitstechnischen Rohrkrepierer das Einsatzszenario nicht ganz klar.
Ist das was für Menschen, die permant Hände, Arme, Füße und bionische Erweiterungen mit Smartphones, Bierflaschen und zehn Tüten voller Shoppingtrophäen vollgepackt haben?
Wo bitte liegt der Sinn vergraben, dass ich den Schlüssel nur in meiner Nähe haben muss, um mein Auto zu öffnen und zu starten?
Es macht trotzdem noch nicht mal die Tür für mich auf!
Das muss ich nach wie vor mit der Hand tun!!
Und wenn ich so besoffen bin, dass ich den Schlüssel nicht mehr ins Zündschloss bekomme, dann treffe ich den Start/Stop Knopf auch nicht mehr!!!
Dafür riskiere ich, dass jeder Hempel, der einen Range-Extender bauen kann – und das Zeug dafür bekommt man für wenige Euros – mir meine Karre quasi unter dem Hintern wegklauen kann.
Sind wir ernsthaft schon so naiv oder von der Industrie schon so weichgekocht, dass wir auf einen derartigen Schwachsinn reinfallen?
Falls ja … haben wir es vielleicht wirklich verdient, bevormundet, manipuliert und ausgeraubt zu werden.
Falls nein … dann bitte ich inständig darum, von unserem Verstand Gebrauch zu machen und kritisch zu prüfen, ob wir wirklich jede uns vor die Füße geworfene Technologie brauchen.

Ich würd meinen Finger für meine Bequemlichkeit hergeben…

Schon lange aus dem Bereich der Science-Fiction herausgetreten sind sie:
Die biometrischen Zugangskontrollen.
Nicht mehr nur Superagenten, Superschurken und superkrass geheime Forscher im Regierungsauftrag dürfen Türen, Panzerschränke und Kaffeemaschinen mit ihren Fingerabdrücken, Iris-Scans oder Speichelproben öffnen.
Nein, das kann mittlerweile jeder technik-affine und – wiederum – sicherheitstechnisch schlecht beratene Häusle-Bauer.
Egal, ob es die Freischaltung unseres Smartphones oder die Öffnung unserer Haustür ist – inzwischen können wir biometrisch nahezu alles öffnen.
Sogar Überweisungen mittels unserer allzeit präsenten Wanze lassen sich mit einem Druck auf den Fingerabdrucksensor bestätigen.
Und ewig locken die Versprechungen der Industrie.
So bequem, so sicher, so schnell…
Nun, leider unterlassen es die Anbieter und Hersteller dieser Bequemlichkeiten stets, auf die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen – am besten in Form eines Beipackzettels – hinzuweisen.
Allerdings erführe dieser digitale Beipackzettel dieselbe Aufmerksamkeit wie seine papiernen Verwandten und AGBs, nämlich: keine.
Es fängt doch schon damit an, dass wir nur zehn Finger und zwei Augen haben.
Da ist jetzt nicht besonders viel Spielraum für Ausweichmöglichkeiten.
Ist ein Fingerabdruck weg, dann habe ich noch neun verbliebene Alternativen.
Aber moment mal – wenn der Fingerabdruck weg ist, ist der Fingerabdruck weg … bleibt jedoch leider mit meiner Identität verknüpft.
Dilemma, dilemma.
Wird mir ein Passwort gestohlen, kann ich dies wenigstens ändern.
Wird mir allerdings ein biometrisches Merkmal gestohlen, bleibt dieses trotzdem dauerhaft mit meiner Person verbunden.
Erbeutet ein Dieb eines meiner biometrischen Merkmale, egal ob Fingerabdruck, Iris-Scan oder was auch immer die Industrie an dieser Stelle noch als „eindeutiges“ Merkmal findet, dann kann sich dieser Dieb als ich ausgeben.
Für immer.

Die Wanze in unserer Tasche

Was früher die Stasi noch in mühevoller Geheimarbeit unter Einsatz unlauterer und illegaler Mittel machen musste, das übernehmen wir heuer selbst – ganz freiwillig.
Nämlich die Verwanzung unseres Lebens.
Wir tragen sie ständig mit uns herum, die Wanze, die unser ganzes Leben – fast sogar schon unsere Gedanken – überwacht und manipuliert.
Es ist wirklich sehr praktisch, seine(n) KalenderRatgeberLexikonMessengerSpielhalle dabei zu haben.
Allerdings geben wir damit nicht nur einen Teil unserer kognitiven Fähigkeiten auf – wie jüngst eine Studie der University of Chicago.
Sondern wir machen uns schlicht überwachbar.
Smartphones verfügen über mannigfaltige Möglichkeiten des Machtmissbrauchs.
Egal ob SIM-Karte, WLAN, Bluetooth oder GPS – jedes für sich allein genommen schon eine wundervolle Wanze der weltweiten Verfolgung.
Aber zusammen stellen diese Technologien eine Wirksamkeit an Überwachung dar, die sich George Orwell und Jeremy Bentham gemeinsam nicht hätten vorstellen können.
Und das machen wir freiwillig.
Niemand zwingt uns.
Niemand bricht in unsere Wohnung ein und installiert diese Wanzen in aller Heimlichkeit.
Wir kaufen sie.
Freiwillig.

Ich zahle mit meinen guten Daten

Es ist so einfach, so bequem, mit Kreditkarte zu bezahlen.
Wir geben einmal unsere Kartendaten preis, ab diesem Zeitpunkt können wir sofort mit nur einem Klick all das kaufen, was uns vor die manipulierten Augen geworfen wird.
Ganz bequem.
Und ganz bequem für all die Überwacher und Manipulatoren liegt unser Konsumverhalten parat.
Jede Finanztransaktion über Kreditkarten wird von der NSA gespeichert und überwacht.
Jede Zahlung mit einer Kreditkarte – nicht nur online, so der Wunsch und sicher auch bald Wirklichkeit – wird von Google, Amazon und ähnlichen Datenkraken ausgewertet.
Warum geben wir so leichtfertig unsere Freiheit und unsere Privatsphäre auf?
Weil es bequem ist.
Weil uns nicht klar ist, was dieses Machtgefälle zwischen denen, die Daten horten, und uns, die wir Daten liefern, bedeutet.
Weil so ein Regimewechsel wie in der Türkei bei uns nicht passieren kann.
Nein? Weil wir alle ja so darauf bedacht sind, dass es nicht passiert?
Weil wir alle so vernünftig und vorsichtig mit unseren Daten – und dem, was damit gemacht wird, umgehen?

Hold back and don’t Payback

Punkte, Punkte, Punkte.
Überall sammeln wir Punkte.
Ist uns eigentlich klar, was wir dafür hergeben?
Wir bekommen im Leben nichts geschenkt.
Ganz besonders nicht in einer marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaft wie der unsrigen.
Und ganz besonders nicht von gewinnorientierten Unternehmen.
Denn wenn diese nicht gewinnorientiert und marktwirtschaftlich denken und handeln werden sie mittelfristig gar nicht mehr handeln.
Die Punkte, die wir so eifrig sammeln, sind sehr genau in die Preise der Produkte und Dienstleistungen mit einkalkuliert.
Für jeden Punkt, den wir erhalten, geben wir dem Punkteverteiler etwas viel wertvolleres zurück:
Unsere Daten.
Durch unsere emsige Punktesammlung wird ein klares und umfassendes Profil von uns erzeugt.
Und mit diesem Profil wird sehr viel Geld verdient.
Einerseits kann uns damit personalisierte Werbung angeboten werden.
Diese Form der Werbung reduziert die „Streuverluste“ drastisch und erzielt so eine wesentlich höhere Konversionsrate von Werbung zu Verkauf.
Das wirklich wundervolle an Profilen ist, dass sie noch dazu weiter verkauft werden können.
So kann schon allein mit unseren Daten Geld verdient werden (ganz ohne dass wir einen Einkauf tätigen).
Unsere Profile können mit weiteren Daten über uns und gleichartigen Daten von ähnlichen Profilen korrelliert werden und neue, detaillierte Profile können dann sehr einfach erzeugt werden.
Und auch dies machen wir freiwillig (bzw. lassen wir zu)
Ohne Zwang.
Weil es es bequem ist.

Hinterfragen wir die augenscheinlich so angenehmen Erfindungen und denken ein wenig hinter den Linien unserer Bequemlichkeit – für unsere Privatsphäre.