Früher war alles besser

Heute ändere ich meine übliche, digital-pessimistische Blickrichtung und mache den Silver Surfern unter uns Mut, die Vorzüge digitaler Kommunikation zu nutzen.
Wenn wir dem beständigen Wandel als Konstante unseres Lebens Rechnung tragen, können wir zum einen in nostalgischer Erinnerung schwelgen.
Zum anderen können wir aktiv an der Gestaltung des Kommenden mitwirken und werden davon nicht überrannt.
Aber das Beste daran ist, dass wir genau in dem Hier und Jetzt leben können, in dem wir leben wollen.
Und – wir können das Beste aus der Vergangenheit jetzt nehmen und es für unsere Zukunft einsetzen – Bakelit-Schalter zum Beispiel.

TL;DR

  • Früher war nicht alles besser: Nostalgie mit Blick nach vorn
  • Digitales hat seine guten Seiten: Es gibt kein relevantes früher
  • Nutzen wir digitale Kommunikation: viele Möglichkeiten statt Einheitsbrei
  • Nutzen wir Alternativen: Gebt den leisen Stimmen eine Chance

Früher war nicht alles besser, aber vieles anders

Nostalgie hat den Vorteil, dass wir uns an die schönen Dinge der Vergangenheit erinnern – häufig kombiniert mit dem Nachteil, das wir manches Mal die dunkleren Flecken heller malen, als sie es tatsächlich waren.
Mary Schmich fasst dies gut in ihrem Essay Wear Sunscreen zusammen – mit den Zeilen

„Advice is a form of nostalgia. Dispensing it is a way of fishing the past from the disposal, wiping it off, painting over the ugly parts and recycling it for more than it’s worth.“
Die Vergangenheit hatte ihre Zeit.
Das Wesentliche an der Vergangenheit ist aber nun mal, dass sie vergangen ist.
Es bringt uns nichts und uns schon gar nicht voran, wenn wir kontinuierlich daran festhalten, dass früher alles besser war.
Das war es nicht.
Es war anders.
Morgen wird auch anders sein als Heute.
Es bringt uns ebenso wenig, wenn wir darüber klagen, dass es Morgen anders sein wird als es Heute ist.
Das Einzige was Bestand hat ist der Wandel.
Inbesondere in einer Zeit, in der Wandel so schnell und allumfassend stattfindet wie heute, ist es hilfreich, den Wandel für sich zu nutzen.
Beharrliches Klagen darüber, dass früher alles besser war, kann uns schnell auf das Abstellgleis der Geschichte führen.
Allerdings kann ein allzu unreflektiertes Voranstürmen in die digitale Zukunft zu einem Absturz in den Abgrund der virtuellen Welt führen.
Es sind noch nicht alle Brücken gebaut, die uns über die möglichen Abgründe führen – und nicht alle von uns besitzen einen zeitreisegestählten DeLorean.

Digitales hat auch seine guten Seiten

Im Hinblick auf die Digitalisierung unserer Kommunikation ist es sogar völlig ungültig und überdies wenig hilfreich, mit dem Argument „früher war alles besser“ zu arbeiten.
Denn was digitale Kommunkation angeht gibt es kein Früher, auf welches wir uns sinnvollerweise berufen könnten.
Es sei denn, wir sprechen von kurzen Zeiträumen wie „vor drei Jahren“ bis etwa „vor zehn Jahren„.
Mittels digitaler Kommunikation erleben wir eine hochverfügbare und in allen gesellschaftlichen Bereichen vorhandene Kommunikationspalette ohne bisherige Präzedenz.
Wenn wir nun die Segnungen der digitalen Kommunikation auch noch mit gesundem Menschenverstand und mit kritischem Blick paaren, dann werden wir von den neuen Entwicklungen profitieren und nicht darunter leiden.

Nutzen wir digitale Kommunikation – mit Verstand, nicht aus Gruppenzwang

Wenn wir informierte Nutzer dieser Kommunikationsform sind – anstatt lediglich schnelle Anwender zu sein – dann können wir gezielt in die von uns gewünschte Richtung steuern.
Andernfalls werden wir in eine Richtung gezogen oder geschoben, die wir nicht für wünschenswert halten – und auf die wir ausserdem keinen Einfluss haben.
Dieses Vorgehen halte ich übrigens für valide, um nicht der „früher war alles besser„-Traurigkeit zu erliegen.
Einfluss nehmen auf das, was kommt – anstatt zu beklagen, dass nicht mehr ist, was früher vermeintlich besser war.
Noch einen weiteren Vorteil hat die bislang unvergleichliche Digitalkommunikation.
Es handelt sich nicht nur um einen einzelnen Kommunikationskanal – wir haben heute die Auswahl aus unterschiedlichen Kanälen, Technologien und Anbietern.
Wir müssen nicht mehr „binär“ abwägen zwischen -Telefon oder -kein Telefon.
Wir können aus einer breiten Palette an Kurznachrichtendiensten, Videotelefonie-Plattformen, E-Mail-Anbietern, sozialen Netzwerken und den bisherigen Kanälen Telefon, Brief und persönliches Treffen auswählen.
Wir sind nicht gezwungen, alle möglichen und verfügbaren Varianten auszuschöpfen.
Wir müssen im Grunde nicht einmal eine davon überhaupt auswählen.
Uns aber pauschal vor den neuen Möglichkeiten zu verschließen – mit dem fadenscheinigen Hinweis „früher war alles besser“ – halte ich für falsch und gefährlich.
Gefährlich vor dem Hintergrund, dass wir Gefahr laufen, fremdgesteuert zu werden, wenn wir relevante Themen nicht aufmerksam „begleiten“ und falsch, weil es irgendwie „am Leben vorbeizielt„.
Ich halte es für wichtig, nicht aus einem externen Zwang heraus zu handeln – nach dem Motto „weil es eben alle nutzen„- muss ich diese Anwendungen und Kanäle ebenfalls nutzen.
Es gibt neben den durch reine Masse (oder gutes Marketing) augenfällig gewordenen Werkzeugen auch Alternativ-Lösungen.
Bloß weil es „Massenware“ ist, ist es nicht zwangsläufig besser.
Ich verweise an dieser Stelle nur auf Betamax vs. VHS oder Linux vs. Windows (wobei Linux glücklicherweise ein besseres Schicksal hat als seinerzeit Betamax).

Nutzen wir Alternativen

Welche Alternativen haben wir denn?
Und warum kennen wir eigentlich keine?
Gute Fragestellungen – auf die ich hier Antworten liefern möchte.
Zunächst – warum kennen wir so wenige Alternativen.
Nun, uns muss zum einen bewusst sein, dass es Alternativen zu allem und jedem gibt.
Da jedoch die Platzhirsche mit brachialer Werbemacht in unsere Aufmerksamkeit gebrochen sind, überhören wir die leisen Stimmen der alternativen Anbieter sehr leicht.
Und warum sollten wir auch auf diese leisen Stimmen hören?
Die Platzhirsche klingen doch viel bunter, schöner und hipper – Bunt und Klickbar  ?
An dieser Stelle tritt ein weiteres Problem zutage:
Wir haben gar nicht den notwendigen Rundumblick, um unterscheiden zu können, warum die Alternative mit der leisen Stimme denn so viel besser sein sollte als der schöne, bunte Platzhirsch mit seinem tollen, bunten und umfangreichen Angebot.
Das zusätzlich auch gar nichts kostet!
Außer unseren Daten und unserer Privatsphäre eben.
Und hier bin ich auch schon bei dem Hauptgrund, warum wir die Alternativen nutzen sollten.
Diese Anbieter wollen sich in der Regel nicht unsere Daten unter die Nägel reißen. Diese Anbietern gehen andere Wege – z.B. „pay as you use„.
Und welche Alternativen gibt es nun?
diaspora* statt Facebook: Teile dich deinem Netzwerk mit und nicht nicht der gesamten virtuellen Welt
mastodon statt Twitter: Offen und frei anstatt „Daten für Google oder Salesforce
XMPP statt WhatsApp: Chatten mit unseren Freunden – ohne die Daten an Facebook zu verlieren
Posteo anstatt Gmail: Sicher schreiben – ohne dass Google dabei mitliest

Und jetzt, liebe Silver Surfer, geht mit nostalgischem Blick und wohl informiert in die Zukunft.