Digital Natives auf Stellensuche

Nunja, früher war nicht alles besser.
Aber zumindest hatten wir Jugendliche noch eine berechtigte Chance auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz trotz unseres nicht gerade karriereförderlichen Lebenswandel.
Zum einen haben wir selbst nicht haarklein unsere diversen jugendlichen Verfehlungen medienwirksam aufbereitet und der halben Welt zur Verfügung gestellt.
Andererseits hatten potentielle Arbeitgeber noch keine Möglichkeit, diese nicht dokumentierten Verfehlungen zu finden und im Bewerbungsprozess gegen uns zu verwenden.
Aber heute ist das anders.

Dein Leben als res publica

Ich stelle einen krassen Wandel in der Bewertung von Privatsphäre fest.
War es für mich früher noch undenkbar alle meine Ideen und Gedanken öffentlich zu machen.
So ist dies heutzutage Normalität.
Digital Natives tragen nicht nur ihre Haut zu Markte.
Nein, sie legen auch ihre Gedanken, Gefühle und alle verfügbaren Beziehungsgeflechte dazu.
Es wird einfach als normal angenommen alles über sein eigenes Leben preiszugeben.
Die Motivation aus der heraus Digital Natives dies tun ist eher zweitrangig.
Zu allen Zeiten sind Jugendliche unreflektiert Trends hinterher gelaufen.
Dies gehört sicherlich zum jugendlichsein dazu.
Allerdings sind die Auswirkungen dieser prä-adoleszenten Probeläufe wesentlich anhänglicher als diese früher waren.
Das Netz ist nicht auf Vergessen ausgerichtet.
Es bleibt alles gespeichert.
Die Frage ist nicht, ob etwas gefunden wird, sondern wann.
Und wann ist meist der Zeitpunkt, der am ungünstigsten für den Datenlieferanten ist.

Die Gedanken sind frei

Jugendliche – und dazu zählen die meisten Vertreter der Gruppe der Digital Natives – haben die Tendenz die Welt als ihren Laufsteg zu betrachten.
Recht so – das ist das Privileg der Jugend, wir waren zu unserer Zeit genauso.
Nur ist dieser Laufsteg jetzt gnadenloser geworden, denn er vergisst keinen Fehltritt – und verzeiht ihn noch weniger.
Jugendliche sollen auch unbedingt in diesem Modus weiterleben, es ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Entwicklung.
Die Gedanken sind frei und der freie Ausdruck derselben muss unbedingt erhalten bleiben.
Es darf nicht sein, dass nur aufgrund der technischen Speichermöglichkeiten und datentechnischen Auswertungstechnologien alle jugendlich-unbedachten Äußerungen auf alle Ewigkeit gespeichert und bei der für den Digital Native unpassendsten Gelegenheit aus dem digitalen Sumpf gezogen und gegen ihn verwendet werden.
Darum rufen wir uns Clemens Brentano und Achim von Arnim wieder in unser Gedächtnis und singen leise vor uns her:

"Ja fesselt man mich
  Im finsteren Kerker,
  So sind doch das nur
  Vergebliche Werke.
  Denn meine Gedanken
  Zerreißen die Schranken
  Und Mauern entzwei:
  Die Gedanken sind frei."

So ist der Kerker heute zwar ein Speicherplatz auf einem Server – aber die Gedanken sind dort Speicherlebenslänglich gefangen.

The past is irrelevant – es geht um deine Zukunft, Digital Native!

In unserem Heulen und Zähneknirschen über die furchtbaren Auswirkungen von Digitalisierung und Big Data richten wir unseren Blick in die falsche Richtung.
Es geht den algorithmischen Auswertern nicht um die Verfehlungen des datentechnisch durchleuchteten Digital Native.
Ziel der Big Data-gestützten Auswertung ist eine Prognose des zukünftigen Verhaltens eines potenziellen Mitarbeiters.
Wir überschätzen die Wichtigkeit unserer unbedachten Kommentare.
Wir werten die Wirkung unserer peinlichen Party-Fotos viel zu hoch.
Wir rechnen den damals als politisch brisant gewerteten Links die wir weitergeleitet haben zuviel Gewicht bei.
Darum geht es den algorithmischen Personalauswählern nicht.
Daran haben sie überhaupt kein Interesse.
Niemand schaut sich die 2597 Fotos an, die der Digital Native Jahr für Jahr in seinem unsozialen Netzwerk gepostet hat – noch nicht einmal er selbst.
Kein Algorithmus wertet die Kommentare aus, die er in seiner Timeline (und der seiner 3587 „Freunde“) hinterlassen hat.
Es geht den Algorithmen einzig um eine Prognose die sich aus dem Profil des Digital Natives ergibt.
Das Profil wird – zugegebenermaßen – aus der Tendenz seiner Fotos, Kommentare und Links erstellt.
Das Tragische an dieser algorithmischen Filterung ist darüber hinaus die Tatsache, dass wir nicht mitbekommen das so ein Profil von uns erstellt wird.
Wir haben auch keinen Einblick darin, nach welchen Kriterien der Algorithmus uns filtert.
Das Vorgehen der Datenkraken ist das genaue Gegenteil der Transparenz, die von Internetkonzernen wie Google oder Facebook werbewirksam nach außen plakatiert wird.
Diese Datensammler wollen keine Transparanz – sie wollen gläserne Datenlieferanten, die freiwillig ihr Leben als Datenmienen im Besitz des einen oder anderen Internetkonzerns fristen.

Digitale Hygiene

Wohin damit?
Immer fallen sie einem vor die Füße, die Auswirkungen der Daten die wir so acht- und sinnlos in den virtuellen Raum gepostet haben.
Was fort ist, ist fort.
Ein gesprochenes Wort kann auch nicht zurückgenommen werden.
Über die bereits veröffentlichten Kommentare und Fotos brauchen wir uns keine schlaflosen Nächte mehr machen.
Schauen wir nach vorn und überlegen, was wir tun können.
Und die Möglichkeiten sind Legion!
Beginnen wir zunächst mit dem ersten Schritt unserer digitalen Hygiene:
Datensparsamkeit.
Was wir nicht ausplaudern kann uns auch nicht vor die Füße fallen.
Ich widerspreche hier Eric Schmidt mit seiner entsetzlichen Philosophie

"Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun."

indem ich sage

"Tu was du willst, aber posaune es nicht überall herum."

Das klingt nämlich vielmehr nach ein Gentleman genießt und schweigt.
Ich folge hier eher dem Auryn

"Tu, was du willst"

und ergänze es um

"...und halt die Klappe!"

Wir können wirklich alles tun, aber wir sollten uns durch drei einfache Fragen selbst prüfen, ob wir alles öffentlich machen sollten.
Damit helfen wir uns und allen anderen.
Denn wenn wir unsere Abenteuer nach dem 3-Fragen-Konzept veröffentlichen, erhöhen wir die Qualität unseres digitalen Outputs und reduzieren den Datenmüll, mit dem wir ansonsten das globale digitale Dorf verschmutzen.
Fragen wir uns vor jedem Post:

  • Ist es hilfreich?
  • Ist es gut?
  • Ist es freundlich?

Schock deine Suchmaschine – vernebel deine Anfragen

Ein anderes Mittel, um die Erstellung eines Profils über uns zu erschweren ist der Einsatz von TrackMeNot.
TrackMeNot erzeugt einen Nebel aus zufälligen Anfragen an verschiedene Suchmaschinen, ganz automatisch während wir uns im Internet tummeln.
Damit erzeugen wir ein gewisses Datenrauschen, mit dem wir es den Datenkraken erschweren uns wahren Absichten zu erkennen.
Damit sind wir gewissermaßen die Daten-Tintenfische im Kampf gegen die Datenkraken.
Diese technische Hilfsmaßnahme ist nur ein zusätzlicher Schutz – wir dürfen uns niemals allein auf technische Maßnahmen verlassen.
Wir müssen einen Wandel in unserem Bewusstsein über unseren Umgang mit unseren Daten erreichen.
Das Bewusstsein, dass alle Daten die wir in irgendeiner Form aus unserer Hand geben irgendwann zu uns zurückkehren – oft nicht in der gewünschten Form, muss uns ein grundlegender Leitgedanke werden.
Dann können wir in datensparsamer Form entspannt und gut mit unserer digitalen Kommunikation umgehen.

TL;DR

  • Öffentlichkeitsarbeit – Dein Leben als res publica
  • Sei wild, sei frei – Die Gedanken sind frei
  • Gone is Gone, Prognose ist das Ziel – Es geht um deine Zukunft, Digital Native
  • Clean your stuff – Digitale Hygiene
  • Im Nebel – Schock deine Suchmaschine – vernebel deine Anfragen

Und jetzt?
Gib dich der Freiheit hin – aber mit Sinn und Verstand

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[Update: 2017-08-17 @ 08:48]