Wie weit will ich gehen?

Zum Abschluss meiner Off-the-Grid-Reihe beschäftige ich mich heute mit dem – mehr oder minder hypothetischen – Gedanken „Wie weit will ich gehen?„.
Anders gefragt, wie weit Off-the-Grid will ich stehen – und ist dies in unserer Gesellschaft überhaupt möglich. Oder muss ich mir dann irgendwo in Zentral-Kanada eine Blockhütte bauen? (ach, Zentral-Kanada geht ja auch nicht – die sind ja eines der Five Eyes)
Also gut – theoretisiere ich mal los.

Leben ohne SIM?

Diese Überschrift übernehme ich ganz frech von Michael Schommer und Thomas Renger von No-Spy, wo ich auf der letzten No-Spy-Konferenz einen anstiftenden Vortrag mit genau diesem Thema gehört habe.
Danke nochmals dafür!
Ja geht es denn in unserer durchgetakteten und vollvernetzten Gesellschaft überhaupt noch ohne SIM?
Ja – es geht.
Ich praktiziere dies jedes Wochenende und es geht prima!
Wie Michael und Thomas in ihrem Vortrag gezeigt haben, geht es auch ganz gut anderntags.
Moderne Smartphones lassen sich ohne SIM betreiben.
Es setzt ein bisschen mehr Planung voraus – wo ist die nächste Freifunk-Zelle, an der ich mich über ein offenes WLAN verbinden kann – aber es geht.
Nun, damit entgehen wir – ein wenig – der Vorratsdatenspeicherung und der Funkzellenauswertung.
Ist ja schon mal was.
Aber wie geht’s weiter?

Pecunia non olet – Geld stinkt nicht

Da hat er immer noch recht, der Kaiser Vespasian.
Nutzen wir doch wieder Bargeld, dann entgehen wir den Überwachungen der Finanztransaktionen.
Die NSA, ich erwähnte es bereits, überwacht weltweit Finanztransaktionen.
Nicht nur Kreditkarten-Transaktionen, die weitgehend über die USA abgewickelt werden, sondern auch Banken und deren internationalen Zahlungsverkehr.
Also fallen wohl weitgehend elektronische Bankgeschäfte weg.
Naja, hoffen wir auf Bitcoin.
Oder wir gehen zurück zum Naturaltausch.
Ist dann sowieso einfacher in unserer Blockhütte auf Island.

Jeder ist ein Star

Könnte man meinen, wenn man durch deutsche Innenstädte geht.
Zumindest dann, wenn man sich, sobald man vor einer Kamera steht, als Star bezeichnet.
Die Kameraüberwachung von staatlicher und auch privater Seite nimmt bei uns konstant zu.
So können wir uns den Stand der Dinge schön vor Augen führen (es geht ja schließlich um Videoüberwachung 😉 ), wenn wir uns das Projekt Surveillance under Surveillance anschauen.
Hier werden schön übersichtlich (auf einer auf OpenStreetMap basierenden Karte) die Standorte und weitere Detailinformationen von Überwachungskameras veranschaulicht.
Aber was tun dagegen?
Wir können uns ja schlecht gar nicht mehr auf die Straße wagen (geht ja schon nicht, weil wir ja auch keine Datenspuren im Internet durch ständige Online-Bestellungen hinterlassen wollen…ach, Dilemma…).
In der fantastischen Austellung Global Censorship And Control im ZKM in Karlsruhe waren einige Ideen zu diesem Thema gesammelt.
Hilfreich ist da möglicherweise die Facial Weaponization von Zach Blas.

Smarten down your life

Der zunehmenden versmartung unseres Lebens können wir dann auch keine Folge leisten wenn wir uns unter dem Radar halten wollen.

  • Smartphones tracken uns dank WLAN, Bluetooth und GPS.
  • Smart-TVs überwachen uns durch eingebaute Kameras und Mikrofone, die stets dienstwillig unser Leben ausspähen und belauschen.
  • Smartmeter kontrollieren unseren Stromverbrauch und geben ein wunderbares Profil ab, wann wir außer Haus sind – also quasi der Einbruchsmöglichkeitsmelder im eigenen Haus.
  • Smarte Heizungssteuerungen und Rauchmelder registrieren unsere sexuelle Aktivität – nicht nur im Schlafzimmer 😉
  • Smarte Matratzen kontrollieren unseren Schlaf – oder doch eher unseren Partner, wenn wir diesem nicht vertrauen?
  • Smarte Türschlösser sollen unser Heim schützen – oder doch eher dem technisch versierten Einbrecher dienlich sein?
    Denn so schlecht wie die Technik geschützt ist, kann man auch gleich den Schlüssel auf der Fußmatte liegen lassen…

Daher meine Empfehlung:
smarten down your life to smarten up your life quality.

Verkehrte Welt

Autos sind das nächste Mittel der Überwachung.
Mal abgesehen davon, dass mittlerweile schon jeder dritte Kleinwagen mit einem GPS-basierten Navigationssystem ausgestattet ist, kommen noch ganz neue Möglichkeiten der Überwachung und Bewegungsprofil-Erstellung auf uns zu.
War das cool, als wir uns mit einer Landkarte in der (Beifahrer-)Hand (und ganz ohne GPS-gesteuerte Routenempfehlung) verfahren haben und durch Umwege unsere Lebenserfahrung bereichert haben – gänzlich ungesteuert und unbeobachtet.
Zukünftig werden wir in unserer automobilen Freiheit noch weiter eingeschränkt.
Dank des von der Europäischen Union geplanten und ab 31. März 2018 in allen Neufahrzeugen verpflichtend eingebauten Notrufsystems eCall werden wir alle noch ein wenig mehr in unserer informationellen Selbstbestimmung eingeschränkt.
Ja, das System wird sicherlich Leben retten, weil Rettungskräfte schneller am Unfallort sein können.
Aber dies ist keine Begründung für eine individualverkehrstechnische Vollüberwachung.
Ich finde, wir haben das Recht darauf unüberwacht am Verkehrsgeschehen teilzunehem.
Es ist einfach ein krasser Eingriff in die Selbstbestimmung meines Lebens – was meine informationelle Selbstbestimmung mit einschließt.
Immerhin gibt es dafür ja noch eine Lösung:
Holen wir uns halt einen Gebrauchtwagen, der noch nicht mit eCall ausgestattet ist.
Sind ja eh viel schöner, diese alten Autos.

Das Ende?

Keines Falls!
Einen Vollausstieg kriegen wir in unserer Gesellschaft nicht hin – es sei denn, wir ziehen in unsere Blockhütte auf Island.
Aber ich glaube auch nicht, dass wir das müssen.
Die Möglichkeiten, die uns die technische Entwicklungen im Bereich Digitalisierung liefern, sind durchaus positiv – wenn wir diese kritisch begleiten.
Wir dürfen uns nur nicht von den Versprechungen der technischen Bequemlichkeiten einlullen lassen und darüber unsere Freiheit und unsere Privatsphäre opfern.
Bleiben wir wachsam.

TL;DR

  • Du SIMpel trackst mich nicht: Leben ohne SIM?
  • Nur Bares ist Wahres: Pecunia non olet
  • Die (Kamera-)Augen der Welt sind auf dich gerichtet: Jeder ist ein Star
  • Klug ist, wer selber denkt: Smarten down your life
  • Automobile Überwachung: Verkehrte Welt
  • Ab auf die Insel: Das Ende?

Und jetzt?
Kopf hoch – jetzt wissen wir, was wir tun können.
Also tun wir was!