Mails, Mäßigung und digitale Mündigkeit

Nachdem ich mich im vergangenen Artikel über die Möglichkeiten, möglichst anonym zu browsen und zu chatten, ausgebreitet habe, beschäftige ich mich in diesem Artikel über weitere Möglichkeiten, möglichst unbehelligt zu kommunizieren.
Allerdings geht es jetzt nicht mehr primär darum, unter dem Radar der Überwacher zu fliegen – dazu ist E-Mail mit seinen Protokollen schlicht nicht geeignet – sondern es geht mir vielmehr um die Möglichkeiten einer geschützten Kommunikation, die den Anforderungen des Artikels 10 unseres Grundgesetzes gerecht wird:
„(1) Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.“
Anschließend mache ich noch einen thematischen Ausflug in das wundervolle Reich der Profilerstellung und die Fragestellung, wie wir dort möglichst ungestreift durchkommen.

Kryptisch, kryptisch

E-Mail Kommunikation sollte – ganz wie seinerzeit der gute alte Brief – vertraulich sein.
Das ist zumindest meine Erwartungshaltung, wenn ich den Nachfolger eines lang etablierten Kommunikationsmediums an dessen Statt mit gutem Gefühl einsetzen will.
Ein Brief ist – so lange der ihn beinhaltende Umschlag ordentlich verschlossen ist – vertraulich.
Nur mit einem gerüttelt Maß an krimineller Energie gelangt ein Unberechtigter in Besitz des so versiegelten Inhalts.
Meine Erwartung an die Brief-Nachfolgetechnologie E-Mail ist an dieser Stelle, dass eine ähnliche Sicherheit hier schon allein technisch gewährleistet wird.
Mitnichten, wie ich an dieser Stelle verdeutlichen will.
E-Mail und die ihm zugrunde liegenden Protokolle SMTP, IMAP, POP3 verfügen jedoch keineswegs über inhärente Sicherheitsmechanismen.
Noch nicht einmal über das profane versiegeln des Inhalts durch so etwas wie einen verschlossenen Umschlag.
Da uns jedoch Artikel 10 des Grundgesetzes eine private und vertrauliche Kommunikation zusichert (auch digital und das umfasst eben auch E-Mail) müssen wir uns an dieser Stelle in guter digitaler Selbstverteidigungs-Manier um unsere eigene Sicherheit und Vertraulichkeit bemühen.
E-Mail war, als dessen Protokolle entworfen wurden, eben nicht für eine sichere und vertrauliche Kommunikation entworfen.
Nun ja, wir sehen leider bei immer mehr Entwicklungen, dass der Trend „Privacy last„, eher die Regel als die Ausnahme darstellt.
Drum greifen wir tapfer in unseren digitalen Werkzeugkasten und sorgen selbst für einen versiegelten Umschlag um unsere Mails.
OpenPGP bietet als offener Verschlüsselungsstandard genau das Werkzeug, welches wir uns zum Schutz unserer Kommunikation gewünscht und auch bekommen haben.
Der einmalige initiale Aufwand, um eine auf OpenPGP basierende Verschlüsselung unserer E-Mail Kommunikation einzurichten, hält sich – gemessen am Nutzen den wir (und unsere Kommunikationspartner) daraus schöpfen – in sehr überschaubaren Grenzen.
Der Charme dieser Lösung liegt darin, dass alle gängigen Betriebssysteme – macOS, Linux und Windows – diesen Standard implementieren.
Ebenfalls setzen auch alle in der Breite verfügbaren E-Mail Clients auf dieses Protokoll.
Was wir jetzt noch tun müssen, ist, unsere Kommunikationspartner dahingehend zu impfen, dass diese auch den Schritt weg von der digitalen Postkarte zum versiegelten elektronischen Brief gehen.
Denn verschlüsseln funktioniert nur, wenn alle beteiligten Parteien mitmachen.
Mit dem Einsatzt von OpenPGP in unserer Mail-Kommunikation haben wir jetzt einen wirklichen Vorteil gegenüber der bisherigen freundlichen Schneckenpost:
Die Nachricht ist nicht nur versiegelt sondern auch wirklich verschlüsselt.
Der Empfänger kann sicher sein, dass niemand außer ihm die vertraulichen Inhalte lesen kann.
Bisher konnte der Empfänger eines klassischen Briefes nur sehen, ob sich jemand unerlaubt Zugriff auf den Inhalt verschafft hat.
Das sehen wir jetzt auch mit Hilfe von OpenPGP.
Aber wir können nun aufgrund der starken Verschlüsselung, die hinter OpenPGP steht, auch sicher sein, dass kein Unbefugter (selbst wenn die Kommunikation abgefangen wird) den Inhalt lesen kann.

Mäßige dich, privatsphären-affiner Surfer

Ein weiteres Thema, welches uns zwar nicht unter den Radar der digitalen Datenräuber tauchen lässt, uns aber dennoch ein Plus an Freiheit bringt, ist Datensparsamkeit.
Wenn wir uns bewusst sind, dass alle Daten, welche die Datenkraken über uns in ihre gierigen Datenschlünde ziehen können, uns zu unserem Nachteil gereichen, dann ist es nur logisch, möglichst wenig über sich preiszugeben.
Datensparsamkeit ist schlicht das einfachste und effektivste Mittel, möglichst wenig „Futter“ für eine Profilerstellung zu liefern.
Dazu können wir parallel zwei Wege beschreiten.
Zum einen sollten wir stets überlegen, welche Daten für einen Dienst zur Erbringung seiner Dienstleistung tatsächlich notwendig sind.
Wir sollten auch immer abwägen, ob ein Posting, ein hochgeladenes Bild oder ein Kommentar auf der unsozialen Plattform unserer Wahl

  • gut?
  • hilfreich?
  • freundlich?

ist.
Ist die Antwort auf eine dieser Fragen ein nein (oder auch nur ein mäßiges hmmnöö), dann sollten wir tunlichst Abstand von unserem Post-Wunsch nehmen.
To much information can kill you.
Und das gilt für beide Sichtweisen:
Zu viele Informationen über dich killen dich ebenso wie zu viele Informationen von dir.
Der zweite Weg zum Schutz vor zuviel preisgegebener Information ist der Einsatz von Adblockern, Tracking-Verhinderern und ähnlichen Schutzwerkzeugen wie uBlock Origin, Privacy Badger und NoScript.
Diese schützen uns vor der Datensammlung durch Datenkraken, die ganz ohne unser Zutun im Hintergrund unserer Surf-Aktionen stattfindet.

Digitale Mündigkeit

Mir kommt Kant in den Sinn – mit seiner Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
Ich bin der Ansicht, dass wir eine neue Mündigkeit in Bezug auf unsere Daten, unsere Privatsphäre und unsere Freiheit erkämpfen müssen.
Wir müssen unseren Verstand einsetzen und erkennen, dass wir von unterschiedlichen Seiten unmündig gehalten werden.
Wir müssen uns aus dieser Unmündigkeit befreien, indem wir verstehen, welche Rechte wir an unseren Daten, an unserer Privatsphäre haben.
Wir müssen lernen, Fähigkeiten zu entwickeln, um für unsere Freiheit und unsere Privatsphäre einstehen zu können.
Dadurch werden wir datenmündige Bürger eines offenen und freien digitalen Raumes, welcher uns bereichert und Entwicklungsmöglichkeiten bietet – anstatt uns zu überwachen und zu manipulieren.

TL;DR

  • hinter Schloß und Siegel: Kryptisch, kryptisch
  • verschwiegen: Mäßige dich, privatsphären-affiner Surfer
  • erfahren sei der Mensch, frei und gut: Digitale Mündigkeit

Und jetzt?
Sei kantig, Mensch!
Selbstverteidige dich digital.