Ich weiß wo du warst, wo du bist und wo du sein wirst – Bewegungsprofile

Bewegungsprofile, diese sind wohl die ersichtlichste Form der Überwachung, die wir erfahren.
Dies liegt zum einen daran, dass wir diese Art der Profilbildung auch am besten in der realen Welt erleben können.
Wir sehen immer mehr und immer häufiger Überwachungskameras.
Im öffentlichen Personennahverkehr wurde jüngst eine flächendeckende Videoüberwachung von den Verkehrsministern gefordert.
Immer mehr Geschäfte und private Gebäude stehen unter dem „Schutz“ von Überwachungskameras.
Heute werfe ich einen Blick darauf, wie Bewegungsprofile erstellt werden und auch aus welcher Motivation heraus.

Bewegungsprofil, ganz SIMpel

Unsere Lieblingswanze tragen wir ja freiwillig nahezu ständig mit uns spazieren: unser Smartphone, respektive Handy.
Und damit haben wir auch gleich die umfassendste Möglichkeit zur Überwachung unserer physischen Bewegungen in der realen Welt parat.
Die SIM-Karten (Subscriber Identity Module, Teilnehmer Identitätsmodul) in unseren Handys und Smartphones identifizieren uns als Nutzer eindeutig.
Nach der letzten, dem Terrorschutz geschuldeten, Überwachungsverschärfung durch unsere Regierung sind wir jetzt ja auch beim Kauf einer Prepaid-Karte zur ausweislichen Registrierung verpflichtet.
Diese SIM-Karte bucht sich regelmäßig in die jeweils stärkste Funkzelle ein, in deren Senderadius wir uns befinden.
Und damit wird ein (bei 99% Prozent Netzabdeckung in Deutschland) nahezu lückenloses Profil unserer Bewegungen erstellt.
Ganz SIMpel eben.
Diese Daten werden, dem Schutz vor Terrorismus seis gedankt, für 10 Wochen bei den Telekommunikationsanbietern gespeichert.
Unsere Regierung weiß schon wofür das gut ist.
Sonst weiß es nämlich niemand – ganz im Gegenteil, denn es gibt klare Belege dafür, dass die ganze Vorratsdatenspeicherungsangelegenheit gänzlich untauglich für den Schutz vor Terror oder ähnlichen Unwägbarkeiten ist.

Freiwillige Selbstüberwachung

Meiner Ansicht nach sind jedoch wir selbst noch viel stärker für unsere eigene Bewegungsprofil-Erzeugung verantwortlich.
Können wir der Funkzellenüberwachung kaum entgehen, wenn wir davon ausgehen, dass wir ein Mobilfunkgerät – es wird halt tatsächlich meist, wie der Name schon verrät, mobil verwendet – mobil verwenden.
So können wir doch bei anderen Formen des Bewegungs-Profilings freiwillig entscheiden, ob wir dies wollen.
So ist es beispielsweise den Nutzern von Fitness-Trackern freigestellt, ob sie diese ihre Daten aufzeichnen wollen lassen oder nicht.
Gut, an dieser Stelle lässt sich trefflich darüber streiten, ob ich dann einen Fitness-Tracker verwenden will, wenn ich nicht tracken will.
Aber mir geht es heute um Bewegungsprofile und da stellt sich einfach die Frage, ob ich für meine Fitness aufzeichnen muss wo ich meiner Fitness gefrönt habe.
Weiterhin wird es natürlich schwierig, sich dieser Form der Überwachung zu entziehen, wenn die Bewegung in der physischen Welt gerade der Sinn und Zweck der Anwendung ist.
So sehen wir dies zum Beispiel bei Navigationsgeräten.
Wenn wir jetzt noch die Überwachungspotentiale von SIM-Karten und freiwillig bewegten Datenpunkten wie Navigationsdaten kombinieren, erhalten wir eine ganz brisante Mischung.
Wir sehen diese Wechselwirkung aktuell bei modernen Autos.
Ich nehme exemplarisch BWM.
Ein BWM verfügt über – aufgrund der neuen eCall-Funktionalität zur schnellen Benachrichtigung von Rettungskräften im Falle eines Unfalls – fest verbaute SIM-Karten.
Dass diese standardmäßige Überwachung durchaus nicht gewünscht ist, zeigt die Vorgehensweise der nordrhein-westfälischen Polizei, welche diese SIM-Karte deaktivieren ließ.
Aber hat der normale Bürger auch diese Möglichkeit?
Fraglich.
Und diese – wir haben es im vorherigen Abschnitt besprochen – erzeugen schon von sich aus ein umfassendes Bewegungsprofils des Fahrzeugs.
Tests hinsichtlich des Datenhungers moderner Automobile haben zusätzlich zutage gefördert, welche Daten ein Fahrzeug – und damit zwangsläufig auch der Fahrer – so von sich preis gibt.
Dabei, so hat der Test gezeigt, ist ein modernes Fahrzeug schon sehr redselig. Verfügt dieses auch noch über ein Navigationssystem, so wird das Bewegungsprofil GPS-gestützt noch um ein vielfaches genauer, als bei bloßer Funkzellenüberwachung durch die verbauten SIM-Karten.

Der Ruf nach mehr Sicherheit

Um Überwachung zu rechtfertigen wird immer wieder, hartnäckig und fast mit Schallgeschwindigkeit der Ruf:
Aber das ist doch für die Sicherheit!
laut.
Ich möchte an dieser Stelle kurz begründen, warum dies eine vollkommen verquere und unschlüssige Argumentation ist.

  • Überwachung schafft keine Sicherheit.
    Überwachung ist eine Maßnahme der Kontrolle.
    Durch Kontrolle entsteht jedoch keine höhere Sicherheit, denn wir können lediglich durch Überwachung feststellen, dass etwas passiert ist, dies aber keinesfalls im Vorhinein verhindern.
  • Überwachung schafft Angst.
    Wer überwacht wird und sich dieser Überwachung bewusst ist, ändert sein Verhalten.
    Diese Verhaltensänderung ist der chilling effect.
    Es ist eine erwiesene psychologische Tatsache, dass Menschen, die sich tatsächlicher – oder auch nur vermeintlicher – Überwachung ausgesetzt sehen, von ihren authentischen Verhaltensmustern abweichen und stattdessen in ein dem überwachenden System konformes Verhalten fallen.
    Und gerade bei Bewegungen im öffentlichen Raum ist es kaum vermeidbar, dass uns die Überwachungsmaßnahmen auffallen.
    Mittlerweile kann man in deutschen Innenstädten keine zehn Meter mehr zurücklegen, ohne von einer Überwachungskamera erfasst zu werden.
    Teilweise wird dieser Effekt auch gezielt eingesetzt.
    Gibt es doch mittlerweile Kfz-Versicherungs-Tarife, welche einen dynamischen Tarif anbieten, der aufgrund einer Black-Box im Auto das Fahrverhalten registriert.
    Ich bin überzeugt davon, dass schon allein die Kenntnis dieser Überwachungsmaßnahme dazu führt, dass der Fahrer eines in dieser Form überwachten Fahrzeugs regelkonformer und defensiver fährt.
  • Überwachung ist ein Mittel totalitärer Regime.
    Wir haben aus der Geschichte (besonders aus unserer deutschen Geschichte) gelernt, dass Überwachung von totalitären Regimen zur Unterdrückung eingesetzt wird.
    Und auch heutzutage kritisieren wir ganz klar und deutlich das überwachende Vorgehen in Staaten wie China und Russland.
    Aber sind westliche Demokratien an dieser Stelle besser?
    Eine Welle der Empörung würde losbrechen, würde ich hier sagen, dass die USA, Großbritannien oder Deutschland totalitäre Regime seien.
    Aber werfen wir einen kurzen Seitenblick auf Behörden wie die NSA, GCHQ und den BND.
    Diese staatlichen Behörden haben mit Operationen wie PRISM, TEMPORA oder der Operation Eikonal durchaus das Potential, um als totalitär zu gelten.

Was können wir dagegen tun?

Nachdem ich jetzt viel darüber gesprochen habe, wie wir überwacht werden und auf welche Weise aus diesen Überwachungsdaten Bewegungsprofile von uns erzeugt werden, ist jetzt an der Zeit, Ideen zu geben, was wir unternehmen können.

  • Lasst öfter mal euer Handy oder Smartphone zu Hause.
    Habt ihr kein Handy – oder genauer keine SIM-Karte – bei euch, können auch keine Funkzellendaten von euch (bzw. eurem Handy) erfasst werden.
  • Tragt große Sonnenbrillen und Hüte.
    Ja klar, werdet ihr sagen, der Paranoiker wieder.
    Es ist aktuell so, dass die Überwachungskameras euch zwar erfassen, die Gesichtserkennung dahinter jedoch noch Schwierigkeiten hat, euch zu erkennen, wenn ihr Sonnenbrillen und Schirmmützen tragt, die euer Gesicht verbergen.
    Und schon wieder haben wir der Erzeugung eines Bewegungsprofils von uns ein Schnippchen geschlagen.
  • Kauft euch einen Oldtimer.
    Also es muss jetzt kein Aston Martin von 1969 sein (obwohl der schon schick ist!), aber eben ein Auto ohne eCall-Funktionalität.
    Wenn ihr dann noch auf ein Navi verzichtet, seid ihr auch wieder ein Stück weiter.
    …bis ihr dann in den Erfassungsbereich einer Mautbrücke geratet…Aber wie uns die Regierung ja versichert, werden die Mautdaten niemals für Ermittlungszwecke verwendet.

TL;DR

  • Überwachung mit SIM: Funkzellen verraten wo du bist
  • Hier lauf ich! – Freiwillige Selbstüberwachung
  • Sicherheit im Tausch gegen Freiheit: Der Sicherheitsmythos
  • Das kann ich tun: Tipps zur Profilreduzierung

Und jetzt?
Sonnenbrille auf, raus in die Freiburger Altstadt und einen Überwachungsslalom gehen!