Wir überwachen uns – weil wir die Mittel dazu haben!

Heute spreche ich über einen weiteren Überwacher unserer Daten:
Wir uns gegenseitig und auch selbst.
Möglicherweise sind wir uns an dieser Stelle selbst der größte Feind.
Frei nach Thomas Hobbes
Homo homini lupus.
ist der Mensch nicht des Menschen Wolf aber doch sein bester Überwacher.
Was uns als Überwacher meiner Ansicht nach gefährlicher macht als Geheimdienste und kommerziell orientierte Unternehmen, ist die Ziellosigkeit mit der wir selbst Überwachung betreiben.
Wir selbst überwachen aus so vielen unterschiedlichen Gründen heraus:

  • reine Neugier, was “meine Freunde” so treiben
  • Kontrollsucht, weil ich wissen will, was mein Partner, Hund, Katze, Maus wann und wo denn gerade macht
  • Angst (ein ganz schlechter Ratgeber!), weil ich doch wissen will, welche dunklen Gestalten sich um mich herumtreiben
  • Selbstverbesserung durch Selbstvermessung

Da wo die anderen Überwachungsspielpartner ein dediziertes Ziel haben, sind es bei uns gleich mehrere Hände voll.
Und dafür bekommen wir auch mehrere Überwachungswerkzeuge in die Hand gelegt, um unsere Neugier/Angst/Kontrollsucht zu bedienen.
Denn eines ist mir ganz klar:
Was wir niemals mit unserem Überwachungsirrsinn besänftigen können ist unsere Neugier, Angst und Kontrollsucht.
Diese werden dadurch nur stärker werden.

Freiwillig gegeben – unfreiwillig gefunden

Was wir hier mit unseren Daten geschieht, die wir bei Facebook abgeben und die später – mit geringem Aufwand – wieder von vielen gefunden werden können, klingt für mich ein wenig wie bei Harry Potter:
Flesh – of the servant – willingly given…
Blood of the enemy…forcibly taken…
Unsere Daten, die wir freiwillig hergeben, können uns – dank Graph Search – gewaltsam genommen werden.
Klingt martialisch, ist aber möglicherweise in der Auswirkung ähnlich drastisch.
Denn Daten, die wir bei Facebook abgeben, können durch geschickte Suchen mit der facebook-eigenen Suchfunktion “Graph Search” leicht gefunden werden – selbst wenn wir diese Daten als privat wähnten.
Ein kleiner Test, den Zeit Online durchgeführt hat, fördert zutage, was eigentlich hätte verborgen bleiben sollen:
Altlasten tauchen auf, es ergibt sich ein umfassenderes Bild über uns, welches wir möglicherweise gar nicht abgeben wollten.
Auch die Electronic Frontier Foundation weist auf die datenschutzrechtlich bedenklich Situation der Graph Search hin.
Durch die Graph Search lassen sich leicht Daten von unterschiedlichen Nutzerprofilen korrelieren und dadurch einen großen Einblick in das digitale Leben der auf diese Weise überwachten “Freunde” gewinnen.
Hilfreich an dieser Stelle sind lediglich zwei Dinge:

  • Die Privatsphäreneinstellungen bei Facebook so rigoros wie nur möglich setzen – damit hat der geneigte Nutzer zumindest bis zur nächsten Anpassung der Einstellungen durch Facebook wieder mehr Ruhe.
  • Datensparsam sein: Was ich nicht hergebe das kann nicht gefunden werden.

Ich weiß, wann du online warst

Eine weitere perfide Möglichkeit der umfassenden Überwachung haben Kurznachrichtendienste wie der Facebook Messenger, WhatsApp oder auch Snapchat eingerichtet:
Lesebestätigungen.
Hier hat der überwachungswillige Nutzer die Möglichkeit, genau zu verfolgen ob – und auch wann – eine Nachricht gelesen wurde.
Eine zweifelhafte Funktionalität wie ich finde.
Natürlich können solche Funktionen ausgeschaltet werden (bei einigen Anbietern zumindest), aber finden alle Nutzer diese Möglichkeit – oder noch schlimmer:
sind sich überhaupt alle Nutzer bewußt darüber, dass sie auf diese Art und Weise überwacht werden?
Und warum ist so eine orwellsche Überwachungsfunktion überhaupt als Standard aktiv?
Sicher finden die Kurznachrichtendienstanbieter dafür salbungsvolle Begründungen – mich jedoch können diese nicht davon überzeugen, mich durch so eine Möglichkeit überwachen zu lassen.

Dorftratsch digital – Nextdoor

Nextdoor ist das Facebook für die direkte Nachbarschaft – so die Idee, kurz und bündig.
Die Idee, sich virtuell in der Nachbarschaft auszutauschen ist so naheliegend wie auch – in meinen Augen – nutzlos.
Denn warum um Himmels Willen sollte ich mich mit meinen Nachbarn virtuell austauschen, wenn meine Nachbarn doch um die Ecke oder direkt nebenan wohnen?
Wieso sollte ich online in meine Nextdoor-Gemeinschaft eine Anfrage an eine Bohrmaschine stellen, wenn ich doch bei meinem handwerklich begabten Nachbarn zwei Häuser weiter einfach persönlich nachfragen kann?
Damit ich meine Hingebung an mein Nachbarschaftsnetzwerk für alle Ewigkeit digital nachvollziehbar dokumentieren kann?
Damit ich digitalen Präsentismus auch in meinem privaten Nachbarschaftsnetzwerk ausleben kann?
Damit ich mich als “guter Nachbar” etablieren kann?
Ich weiß nicht, was Menschen dazu treibt; allerdings ist mir klar, wozu solche virtuellen Nachbarschaftsnetzwerke verkommen können:
Hetzplattformen für Bürgerwehren oder Foren für paranoiden Rassismus.
Da bleibe ich doch lieber bei dem altbewährten Tratsch mit den Nachbarn an der Haustür.

Ich seh dein Gesicht – ich weiß wer du bist

Die nächste Stufe der bürgerbewehrten Überwachung sind Tools wie Findface oder Facewatch.
Mit beiden Tools lassen sich Gesichter Nutzerprofilen in sozialen Netzwerken zuordnen.
Die russische Gesichtserkennungsanwendung hat mit einer Erkennungsrate von bis zu 70% den Weg zur Abschaffung der Anonymität in der Öffentlichkeit geebnet.
Das britische Pendant Facewatch id nimmt zwar einen anderen Weg – wir werden alle zu Informanten, um zwielichtige Elemente zu entlarven – als die russischen Kollegen, aber dort werden mit einer Schnittstelle an Geräte zur Gesichtserkennung ähnliche Albträume orwellschen Ausmaßes möglich.
Allerdings gibt es zum Glück noch einfache und wirksame Maßnahmen, um der De-Anonymisierung durch Werkzeuge wie Findface zu entgehen:

  • Der Kapuzenpullover wird quasi zum Aluhut des Anonymität-liebenden freien Menschen.
  • Die Sonnenbrille zu Zorros Maske der Freiheit.

Wie groß die Sorge um unsere Anonymität ist, wird mir klar, wenn selbst Schlangenöl-Lieferanten das Thema Zerstörung der Anonymität in ihren Blogs behandeln.

Selbstvermessen

Aber noch ist die Fahnenstange der gutbürgerlichen Überwachung nicht erreicht.
Wir können schließlich noch uns selbst überwachen, wenn sonst niemand zum überwachen mehr da ist!
Die zunehmende Verbreitung der digitalen Leistungsoptimierer, die virtuellen Sklaventreiber in Form von Fitness-Armbändern und Körperdatensammelnden “Smart”-Watches überwachen ihre Träger in noch viel verräterischer Weise.
Nicht nur machen wir uns zu Sklaven elektronischer Wichtigtuer, sondern wir verlernen auch, auf unseren Körper zu hören.
Ich weiß schon selbst, wann ich an meine Leistungsgrenzen herangehe (oder auch darüber hinaus) – dazu brauche ich kein Armband, das mich maßregelt, wenn ich es übertreibe (oder mich antreibt, wenn ich es einmal gemächlicher angehen lasse).
Schlimmer noch, wir verschleudern diese gesammelten Daten auch in eine ungewisse Datenzukunft.
Nur allzugern werden die von uns mühsam erschwitzten Daten von Krankenkassen und sonstigen Versichereren gehortet, ausgewertet – und auch verkauft.
Denn sicher sind die Daten bei den (meist) in den USA oder Asien beheimateten Anbietern dieser Fitness-Folterer keinesfalls aufgehoben.
Und selbst wenn unsere Krankenkasse uns jetzt noch einen Bonus für die Teilnahme an diesem virtuellen Gesundheitsprogramm anbietet …
… was geschieht, wenn wir dauerhaft unter den so mühsam erlaufenen oder erradelten Gesundheitswert fallen?
Wie sehr wird unser Krankenkassenbeitrag steigen, wenn unser Gesundheitsindex fällt?

TL;DR

  • Social Graph: Gesucht, was nicht gefunden werden sollte
  • Lesebestätigung: Ich weiß, wann du online warst
  • Findface/Facewatch: Face/Off für weniger Anonymität
  • Watch yourself: Selbstvermessung bis zum Daten-Infarkt

Und jetzt?
Hört auf, euch um die Belanglosigkeiten der anderen zu kümmern.
Bleibt analog und lebt entspannter.