Wir überwachen dich – weil wir doch nur dein Bestes wollen!

Nachdem ich in der letzten Woche meine Sichtweise auf staatliche Überwachung dargestellt habe, widme ich mich heute der Überwachung mit kommerziellem Hintergrund.
In diesem Überwachungsspiel geht es unseren Mitspielern nicht um unsere Sicherheit, sondern einzig und allein um unser Bestes – unsere Daten.
In dieser Spielrunde ist es nicht das Ziel, dass wir unsere Daten behalten oder gar selbst darüber bestimmen, was mit unseren Daten geschieht.
Nein, hier geht es darum, wie unsere Mitspieler an so viele unserer Daten wie möglich herankommen – möglichst ohne, dass wir das merken.
Denn auch hier gilt:
Wissen ist Macht.
Und – um Francis Bacon noch ein wenig mehr zu strapazieren – ich bin der Ansicht, dass Wissen, welches ich habe, und von dem der Datenlieferant nicht weiß, dass ich es habe, ist sogar noch mehr Macht.
Aber das klingt jetzt nicht ganz so griffig wie die prägnante Formel des britischen Philosophen.

Unternehmen Datenabzug

Was nach einer militärischen Operation klingt ist das inzwischen täglich mehrfach praktizierte und gut etablierte anwanzen von kommerziellen Unternehmen, um an unsere Daten zu kommen.
Sei es die einschläfernd langweilige Frage “Haben Sie Payback?” (wobei schon allein die fragwürdige Frageform die schiere Begeisterung der Fragenden zu diesem Thema zum Ausdruck bringt) oder die inflationär eingesetzten “Pflichtfelder” eines Anfragsformulars bei der Registrierung zum nächsten sinnlosen Dienstanbieter.
Das Ziel ist überall das gleiche: Sie wollen unsere Daten.
Sie wollen so viele wie möglich – alle, die sie kriegen können.
Sie wollen alle, die wir – mehr oder wenig – freiwillig rausrücken.
Sie nutzen dazu alle Mittel, die ihnen einfallen:

  • einschmeicheln
  • Wichtigkeit vorgaukeln
  • drohen
  • betteln

Eines haben diese Mittelchen allerdings gemeinsam:
Sie sind armselig.
Und wie einen Fixer, der uns um seinen nächsten Schuss anbettelt, so sollten wir auf die Anbiederungen der Datenkraken reagieren:
Ablehnen.
Wir sollten Mitleid mit den Datenfixern haben.
Wir sollten ihnen helfen – indem wir ihnen den nächsten Schuss verweigern.

Damit wir schneller finden, was wir gar nicht gesucht haben

Targeted Advertising – klingt für mich ein wenig so, als sei ich jetzt auf der Abschussliste für Gefährder gelandet – ist aber nicht ganz so schlimm (oder schlimmer, denn Targeted Advertising überlebe ich und ruiniere mir dadurch jedoch meine Finanzreserven).
Zielgerichtete Werbung, das ist eines der Dinge, welches kommerz-orientierte Unternehmen mit meinen Daten anfangen wollen.
Sie wollen mich besser kennenlernen, damit sie mir zukünftig die Dinge andrehen können, die ich schon immer nicht haben wollte.
Also ist werbetechnisch eigentlich alles wie bisher auch, nur mit einem Touch mehr “aber wir wissen doch, wie du tickst”.
Ob die Wirksamkeit dieser Targeted Advertising Idee tatsächlich so hoch ist, wie die Marketing-Abteilungen der diversen Internet-Giganten ihren Kunden und sich selbst glauben machen wollen, ist noch nicht bewiesen.
Ich zumindest habe seitenweise “wissenschaftliche Belege” dafür gefunden, dass es regelrecht die bisherigen Werbeformen – von Plakatwerbung über Radiowerbung bis hin zum klassischen TV-Spot – als eine Obsoleszenz des vorigen Jahrtausends darstellt.
Allerdings frage ich mich dann, warum wir eben diese Werbeformen immer noch überall sehen.
Nein, das wirklich perfide und störende an zielgerichteter, also auf uns vermeintlich zugeschnittener Werbung ist, dass sie den Eindruck vermittelt, uns persönlich anzusprechen.
Und darauf fahren wir als Menschen halt echt ab.
Das das Zeug dahinter der gleiche Müll ist, den wir noch nie brauchten – eben wie bei der klassischen Werbung – ist zweitrangig.
Eine weitere Ärgerlichkeit – und hier schlägt mir die Handlungsweise dieser Datensammelterroristen so richtig auf mein privatsphären-affines Gemüt – ist die Tatsache, dass ich durch diese verdammte Targeted Advertising-Rotze überall mittels Tracking verfolgt werde, damit ich eben noch besser persönlich angesprochen werden kann.
Denn wenn die Datenhorter noch mehr darüber wissen, wo ich mich rumtreibe, dann können sie noch besser den Eindruck von persönlich auf mich zugeschnittener Werbung vermitteln.

Wenn du aus diesem Fenster gesprungen bist,

…dann legst du dich auch hinter diesen Zug.
Ungefähr so sinnvoll sind die “Empfehlungen”, mit denen uns Amazon und ähnlich anbiedernde Händler zum Einkauf noch einer dritten Waschmaschine bringen wollen.
Wo bitte liegt denn der Sinn, mir dann, wenn ich gerade eine Waschmaschine gekauft habe, noch fünf andere Waschmaschinen anzubieten?
Dieses Beispiel aus dem wa(h)ren Leben (ok, es war ein Kühlschrank und keine Waschmaschine) zeigt, wie sinnlos das Empfehlungsverfahren aufgrund von Tracking überhaupt ist.
Eine moderne Waschmaschine (und hier bringe ich wieder das bereits verwendete, wundervolle Wort Obsoleszenz ins Spiel) hat eine Lebenserwartung von rund zehn Jahren.
Warum um Himmels Willen, will man mir, kurz nachdem ich meine Waschmaschine gekauft habe, gleich noch eine andrehen?
Das ist vollkommen hirnrissig und lässt mich rat- aber nicht hilflos dastehen.

  1. Damit man mir keine blöden Vorschläge aufgrund meiner bisherigen Suchen machen kann, lösche ich jedes mal die Cookies in meinem Browser.
  2. Ich gehe ich ein lokales Fachgeschäft meines Vertrauens, lasse mich kompetent beraten und kaufe meine Waschmaschine dort.

Don Johnston gefällt rosa Briefpapier

…Vielleicht willst auch du eine rosa Schreibmaschine kaufen.
In welcher Welt leben die Online-Händler überhaupt, wenn sie davon ausgehen, dass ich mich für ein Produkt entscheide, bloß weil der eine (oder auch 10.345 andere virtuelle) Kunden ein ähnliches Produkt gekauft haben?
Aus den von uns gesammelten Daten werden vollkommen sinnlose und realitätsferne Schlüsse gezogen, die dennoch als Anlass genommen werden, uns zu einem weiteren unnötigen Kauf zu überreden.
Ich will das nicht.
Ich bin so viel Individuum, dass ich möglichst nicht hören will, dass irgendjemand einen ähnlichen Geschmack hat wie ich.
Das ist doch total bäh!
Genug gemotzt, tun wir etwas dagegen.
In diesem Fall lautet meine Empfehlung:
Legt keine Konten bei Online-Händlern an.

  1. Wenn keine Konto-Historie von dir vorliegt kann auch kein Profil daraus gebildet werden.
  2. Ist kein Profil verfügbar kann dieses auch nicht mit verschwurbelten Pseudo-Korrelationen mit anderen Profilen verbunden werden 🙂

Wehrt euch!

Jetzt habe ich noch eine kleine Nachreichung zum letztwöchigen Thema staatliche Überwachung.
Kauft euch noch schnell Prepaid-SIM-Karten für eure liebgewonnenen Smartphones.
Denn laut einem geplanten neuen Anti-Terror-Gesetz unserer Bundesregierung, welches am kommenden Mittwoch, den 25. Mai im Schnellverfahren durch den Bundestag gepeitscht werden soll, soll das anonyme Kaufen einer Prepaid-Karte verboten werden.
Ein Hoch auf staatliche Überwachung!
Alles natürlich für den Terror!
Also, gegen den Terror und gegen uns natürlich.
Also für unsere Bequemlichkeit.
Also, damit wir nicht allzuviel selbst denken müssen.
Wisst schon!

TL;DR

  • Operation Datenschnorchel: Mission Datenabzug
  • Ich weiß, was du willst: Damit wir schneller kaufen was wir niemals wollten
  • Buy this, they say: Wenn du aus diesem Fenster springst…
  • Rosa Briefpapier sucht alte Schreibmaschine: Don Johnston gefällt…
  • Wehrt euch: Kauft Prepaid-SIM-Karten

Achso…und nicht die Prepaid-Karte auf eure Adresse und eure übliche E-Mail Adresse anmelden!
Wisst schon: kreative Datensparsamkeit und so 😉