Wer überwacht uns…und warum?

Ich glaube, dass uns ein Blick darauf, wer uns überwacht und welche Gründe er dafür aufs Tapet heften kann, helfen kann, die ganze Überwachungs-Arie gelassener anzugehen.
In meinem Augen ist diese ganze Überwachungsnummer – gelinde gesagt – zum Kotzen und einer freiheitlich orientierten Gesellschaft wie der unseren vollkommen unwürdig.
Daher stelle ich hier meine Sichtweise auf die verschiedenen Gegenspieler im Überwachungsspiel vor.

Vater Staat und seine Handlanger

Hier betrachte ich jetzt nicht nur unseren Vater Staat im beschaulichen Deutschland, sondern hebe meinen Blick über den Tellerrand nationaler und geographischer Grenzen.
Da beginne ich auch gleich bei unseren transatlantischen Freunden mit ihrem Auslandsgeheimdienst, der National Security Agency (NSA).
Diese haben, wie wir seit den Veröffentlichungen von Edward Snowden wissen, die Messlatte was Überwachung angeht schon mal ordentlich hoch gelegt.
Um dem PRISM-Programm der NSA überwachungstechnisch das Wasser zu reichen, muss ein Datenschnorchelsystem schon ordentlich in die Trickkiste greifen. Denn PRISM greift sich Daten aus so unwichtigen Bereichen wie E-Mail, Social-Media-Plattformen, Cloudspeichern, Chatsystemen, IP-Telefonie, Videokonferenz-Systemen und weiteren Sonderwünschen ab.
Kurz gefasst wird bei PRISM alles digital kommunizierte erfasst, was nicht bei drei auf den kryptographisch geschützten Bäumen ist.
Also das ist schon mal eine ganz schöne Packung.
Und warum tun sie das?
Na, damit wir ruhiger schlafen können und die bösen Terroristen uns nicht alle heimlich im Schlaf überfallen und wahlweise töten, in Angst und Schrecken versetzen oder uns ihr vermeintlich richtiges Regime aufoktroyiren.
Hmm…seltsam, wo ich jetzt so formuliere…tun das die Machthaber hinter PRISM nicht auch?
Nein, nein, da muss ich mich irren, denn die sind ja die Guten.
Auf jeden Fall halte ich jemanden, der eine Rund-um-die-Uhr und Überall-Überwachung für alle Teilnehmer an digitaler Kommunikation aufsetzt, durchführt und verantwortet für einen Fall für die Klapse.
Egal aus welch fadenscheinigem Grund man dies anzettelt und durchführt.
Nationale Sicherheit hin und Terrorabwehr her.
Meiner Meinung nach haben wir schon verloren, wenn wir in einer solchen Welt unter solch einer digitalen Totalüberwachung leben.
Dann rücke ich in meiner weiteren Betrachtung den Fokus auf Europa.
Hier schaffen es tatsächlich unsere royalen Freunde von den Britischen Inseln dem Überwachungsprogramm aus ihrer ehemaligen transatlantischen Kolonie doch noch den Rang abzulaufen.
Die Geheimdienstaktion Tempora des Government Communications Headquarters, kurz GCHQ, schafft es laut Abschätzungen whistleblowender Quellen ungefähr 40 Milliarden Datensätze pro Tag aus den Unterseekabeln herauszusaugen.
Auch bei dieser im Umfang noch umfassenderen Überwachungsaktion der global-galaktischen Digitalkommunikation wird wieder das Wohl und Wehe der – westlichen – Welt als Grund vorgeschoben.
Naja, ich wiederhole mich, wenn ich sage:
Unter totaler Überwachung und in Angst zu leben, ist nicht das, was ich unter einem Leben in Freiheit verstehe.
Richte ich meine Aufmerksamkeit auf unseren eigenen sicheren Hafen demokratischer Freiheit.
Betrachte ich zunächst den Bundesnachrichtendienst (BND), unseren bundeseigenen Auslandsgeheimdienst.
Auch dieser möchte am allgemeinen Überwachungsspiel teilnehmen.
Dafür wurde hier jedoch kein eigenes – bisher bekannt gewordenes – Überwachungswerkzeug geschaffen.
Dafür diente und dient weiterhin der BND als williger Datenlieferant für die NSA und GCHQ.
Darüber hinaus fremdfischte der BND auch noch im Inland und zapfte fröhlich den weltweit größten Netzknoten für den Internetverkehr, den DE-CIX in Frankfurt am Main an.
Herzlichen Glückwunsch, sage ich dazu.
Schämt ihr euch nicht?
Ich tu es jedenfalls.
Habt ihr denn gar nix aus der Geschichte gelernt?
Reichen zwei denunzierende und volksüberwachende Regime mit Überwachungs- und Unterdrückungswerkzeugen wie Gestapo und Stasi nicht aus, um einfach mal so viel Arsch in der Hose zu haben und zu sagen:
Nein, wir überwachen unsere (oder andere) Bevölkerung nie wieder!
Widerlich, armselig, das halte ich davon.
Armselig, das ist auch das, was mir zu der Überwachungsmethodik der deutschen Polizeibehörden durch die Vorratsdatenspeicherung einfällt.
Armselig finde ich es zum einen, dass wir alle damit einfach mal unter Generalverdacht gestellt werden.
Armselig finde ich weiterhin, es nochmals mit einer bereits schon einmal gescheiterten Methode zu versuchen.
Mir fällt dazu Albert Einstein ein:
Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.
Auch die Vorratsdatenspeicherung wird uns kein Stück mehr Sicherheit bringen.
Was sie uns mit Sicherheit bringt:
mehr Kontrolle und Überwachung – zwei Zustände, die ich für mich nicht mit einem Leben in einer freiheitlichen Gesellschaft in Einklang bringen kann.

Datenkraken und ihre konsumgeilen Ausläufer

Neben dem staatlichen Überwachungs- und Kontrollirrsinn gibt es zusätzlich noch private Datensammler, -schnüffler und -verarbeiter.
Das sind die Googles, Facebooks und weitere wie widerliche Eitergeschwüre der digitalen Entwicklung erwachsende Unternehmen.
Diese spiegeln uns nicht die vermeintliche Verbesserung unserer Sicherheit vor – sondern unseren eigenen wirtschaftlichen Vorteil – unter diesem Deckmäntelchen steckt natürlich auch hier nur ihre grenzenlose Datensammelgier.
Auch die dazugehörigen Methoden unterscheiden sich von denen, die bei staatlicher Überwachungswut Verwendung findet.
Wo die einen im Verborgenen agieren, da geben wir den privaten Datenkraken unsere Daten freiwillig, bereitwillig gar, für ein paar armselige Rabattpunkte oder ein wenig Online-Reputation her.
Das “warum?” ist ein anderes – das “wie?” mittlerweile nicht mehr.
Beide – staatliche wie private – Datenkraken horchen uns aus – für ihre Zwecke und zu unserem Schaden.

Wir uns selbst und gegenseitig

Die perfideste Art der Überwachung jedoch betreiben wir selbst.
Nicht nur, dass wir uns gegenseitig überwachen, sei es über Kurznachrichtendienste, die mitteilen, wann das Nachrichten-Gegenüber das letzte Mal aktiv war.
Oder über Plattformen wie Nextdoor, in der wir unsere eigenen Videoüberwachungskameras einhängen können.
Nein, wir treiben es noch auf die Spitze und überwachen uns selbst.
Wir vermessen unseren Puls, wir lassen unsere Schritte zählen, wir tracken unser Schlafverhalten.
Wir kontrollieren und bewerten uns selbst, bis wir nichts weiter mehr sind als Zahlen in einer Statistik.
Und die laden wir dann auch noch auf einen obskuren Server hoch, damit unsere Versicherungen und unsere Krankenkassen diese Daten alle aufbereiten und korrelieren können.

TL;DR

  • Datensaugen für den Terrorschutz: NSA, GCHQ, BND und Polizei
  • Datenkraken aus Profitgier: Unternehmerische Datengier
  • Selbst ist der Überwacher: Kalorienzählen für die Cloud

Nun, nach diesem Parforceritt durch die Überwachung habe ich noch eine Gute Nachricht zum Abschluss:
Wer uns wirklich nicht überwacht ist Mutter Natur und da sollten wir bei diesem schönen Wetter auch sein 🙂