Wie kann ich meine Privatsphäre schützen?

Also schön.
Langsam dringt es durch die Hornhaut auf meiner Seele zu mir durch, dass ich selbst etwas tun muss, um meine Privatsphäre zu schützen, um mich nicht selbst in diesem ganzen Datenmüll zu verlieren.
Aber was? Und wo fang ich an?

Fang an, wo du bist.

Hier.
Jetzt.
Setz dir nicht erst einen Startpunkt in der Zukunft, weil dann fängst du nie an.
Es ist auch wirklich nicht schwer anzufangen.
Wir müssen nicht komplett alles, was wir bisher getan haben umkrempeln und auf den digitalen Müll werfen, sondern wir können Schritt für Schritt anfangen, unsere Privatsphäre zurückzuerobern und zu stärken.

Lüge, betrüge und täusche

Wir riskieren unsere Privatsphäre stark dadurch, dass wir zu viel von uns preisgeben – und das nutzen die Datenkraken dreist aus.
Sie sammeln alles was sie von uns bekommen können – und bereitwillig geben wir es ihnen.
Es werden in so vielen Formularen so viele Daten von uns abgefragt, von der Schuhgröße unseres Hamsters über unsere Lieblingsfarbe der Gardinen bis zu unseren Geburtstagen, Geschlecht, zweiter Vorname der Schwiegermutter und all solche Sachen, die meistens vollkommen unnötig für die Erbringung der Dienstleistung sind, die wir an dieser Stelle in Anspruch nehmen wollen.
Ein Musik-Streaming-Dienst braucht deine Anschrift nicht, um dir Musik zu liefern.
Sie wird gestreamt, nicht von der Post ausgetragen.
Und die Schuhgröße deines Hamsters muss auch niemand erfahren – es sei denn du bestellst Schuhe für deinen Hamster.

Deswegen ist mein Rat: Lüge! Betrüge! Täusche!
Gib – wenn es sich denn um ein Pflichtfeld handelt – falsche Daten an.
Die Datenkraken belügen dich auch – also warum zahlen wir es ihnen nicht mit gleicher Münze heim?
Wir haben nichts davon, wenn wir den Datensammlern diese Daten geben – also wenn sie Daten haben wollen – dann geben wir ihnen Datenmüll!

Erst denken – dann posten

Wir geben unsere Privatsphäre auch an anderer Stelle ganz freiwillig auf.
Niemand zwingt uns dazu, wir tun es einfach so.
Wir machen uns ganz selbstverständlich und ohne Zwang datennackt.
Wir begehen an uns selbst Datenmissbrauch, wenn wir ständig jeden Moment unseres Lebens posten, anstatt ihn zu genießen.
Niemand will sehen, was ich diesen Abend zu essen auf dem Tisch habe.
Kein Mensch muss wissen, dass ich – erstaunlicherweise – auch an diesem Abend auf die S-Bahn warte um nach Hause zu fahren.
Niemanden interessiert das.
Auch dich nicht mehr, nachdem du es gepostet hast.
Deswegen ist ein ganz einfacher Schutz deiner Privatsphäre:
erst denken, dann posten.
Zähle bis zehn, dann überleg dir, ob es sinnvoll, hilfreich und gut ist, was du gerade posten willst.
Kannst du all diese Fragen klar mit “ja” beantworten, dann meinetwegen, poste es.
Ansonsten genieße einfach den Moment und behalte ihn für dich!

Niemand muss alles über dich wissen – schon gar nicht Facebook

Gib einfach nicht alle Daten preis!
Facebook und andere asozialen Plattformen vermitteln dir den Eindruck, dass du viel tiefer und erfolgreicher in diesem oder jenen Netzwerk eingebunden bist, je mehr du über dich preisgibst!
Deine Lieblingsfilme!
Die Fernsehserien für die du sogar deine Mutter verkaufen würdest, um sie nicht zu verpassen!
Deine Lieblingsapps!
Deine Schuhgröße (diesmal nicht die deines Hamsters – der hat ja sein eigenes Profil)!
Wann du geboren wurdest! Und wo! Und warum!
Was du von blauleuchtenden Pinguinflüglern hälst! Und warum!
Wo du wohnst! Und seit wann! Und mit wem!
Und wen du anbetest! Und warum nicht jemanden anderen!
Und wie deine sexuelle Orientierung ist (Facebook bietet die Wahlmöglichkeit aus mehr als 60 Orientierungen)!
Wenn du all das angibst, wirst du ein besseres Mitglied dieser Community! Genau!
Oder einfach nur vollkommen kontrolliertes Opfer, welches prima ausgebeutet werden kann.
Gib so wenig wie möglich preis.
Du brauchst den Schwachsinn nicht auszufüllen, damit du an diesem Netzwerk teilhaben kannst.
Es dient einzig dazu, dich in ein Profil zu pressen, um dir noch viel besser “genau auf dich abgestimmte Inhalte” aufzuoktroyieren.

Such selber, anstatt suchen zu lassen

Ich finde es schon albern, dass “googeln” es tatsächlich in den Duden geschafft hat.
Tatsächlich mit der Bedeutung “etwas zu recherchieren”.
Also weiter weg von recherchieren kann etwas mit Google suchen nicht sein.
Denn du findest nichts Neues.
Du findest Dinge, von denen Google denkt, dass sie für dich wesentlich sind.
Du bist in einer Filterblase gefangen, die sich immer stärker um die Dinge dreht, die du bereits kennst.
Das hat auch schon Adolph Freiherr von Knigge erkannt, dass es sich dabei um ein schlechtes Vorgehen handelt, als er folgendes sagte:

“Sei nie ganz müßig!
Lerne dich selbst nicht zu sehr auswendig, sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen.
Man glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Zirkel seiner eigenen Lieblingsbegriffe herumdreht, und wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.”

“Lerne aus Büchern und Menschen neue Ideen.”

Lerne neue Ideen und zwar aus Büchern und Menschen.
Google kann dir keine neuen Ideen liefern, denn es lässt dich “immer in dem Zirkel” der “eigenen Lieblingsbegriffe herumdrehen”.
Und dadurch wirst du “ein eintöniges Wesen”.
Darum, Mensch, befreie dich aus deiner selbstgewählten Unmündigkeit und suche frei.
Frei von Tracking und Vorfilterung.
Nutze Suchmaschinen wie DuckDuckGo oder Startpage.
Hier wird deine Suche nicht vorgefiltert und du musst dich nicht weiter “in dem Zirkel der [Google-gewählten] Lieblingsbegriffe herumdrehen”.
Suche frei, Mensch!

Mach halt wieder ein paar Dinge analog

Leg dir ein Adressbuch zu.
Also ein richtiges Buch.
Mit echten Seiten.
Leuchtturm1917 hat dafür ein ganz tolles Produkt.
Es ist immer da.
Es braucht keinen Strom.
* Es ist kompatibel mit allen Stiften.

Kauf – oder bastel – dir einen Kalender.
Hier brauchst du dir keine Gedanken zu machen, wer deine geheimen Termine liest.
Oder wem du den Kalender freigegeben hast.
Oder ob er Zugriff von deinen 97 datensaugenden Apps hat.
Es ist einfach ein Taschenkalender.
Du kannst darin rummalen,
kritzeln,
schreiben,
schmieren,
Seiten rausreißen und
wieder einkleben.

Es ist einfach schön.
Und jetzt überrasche mal jemdanden mit einer Postkarte.
Das ist viel schöner, individueller und persönlicher als ein blöder Post in deiner Timeline.

Das ist digitaler Ungehorsam!

Greifen wir zur Datenselbstverteidigung und schützen unsere Privatsphäre!